Główna #Girlboss: Wie ich aus einem eBay-Shop das Fashionimperium Nasty Gal erschuf

#Girlboss: Wie ich aus einem eBay-Shop das Fashionimperium Nasty Gal erschuf

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Kategorie:
Rok:
2015
Wydawnictwo:
Redline Verlag
Język:
german
ISBN 10:
3868815767
ISBN 13:
9783868815764
Plik:
EPUB, 2.56 MB
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1

Willst du normal sein oder glücklich?

Rok:
2011
Język:
german
Plik:
EPUB, 208 KB
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The Economic Ideas of Marx's Capital: Steps towards post-Keynesian economics

Rok:
2016
Język:
english
Plik:
PDF, 7.86 MB
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Sophia Amoruso


#Girlboss





Sophia Amoruso

#Girlboss



Wie ich aus einem eBay-Shop das Fashionimperium Nasty Gal erschuf


Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch von Almuth Braun





Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://d-nb.de abrufbar.




Für Fragen und Anregungen:

lektorat@redline-verlag.de


1. Auflage 2015


© 2015 by Redline Verlag, ein Imprint der Münchner Verlagsgruppe GmbH

Nymphenburger Straße 86

D-80636 München

Tel.: 089 651285-0

Fax: 089 652096


© der Originalausgabe 2014 by Sophia Amoruso

All rights throughout the world are reserved to Sophia Amoruso.

Die englische Originalausgabe erschien 2014 bei Portfolio/Penguin and G. P. Putnam’s Sons, members of Penguin Group (USA) LLC, unter dem Titel #Girlboss.


Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.


Übersetzung: Almuth Braun

Redaktion: Ulrike Kroneck, Melle-Buer

Umschlagabbildung: Gabrielle Revere, New York

Illustrationen: Jo Ratcliffe

Abbildungen: © Sophia Amoruso

Satz: Carsten Klein, München

Druck: Konrad Triltsch GmbH, Ochsenfurt

Printed in Germany


ISBN Print: 978-3-86881-576-4

ISBN E-Book (PDF): 978-3-86414-708-1

ISBN E-Book (EPUB, Mobi): 978-3-86414-707-4


Weitere Informationen zum Verlag finden Sie unter

www.redline-verlag.de

Beachten Sie auch unsere weiteren Verlage unter

www.muenchner-verlagsgruppe.de



eBook by ePubMATIC.com





Inhalt


#Girlboss – eine Chronologie


1.Du willst also ein #GIRLBOSS sein?

Warum solltest du auf mich hören?

Die Theorie der roten Schnur


2.Wie ich zum #; GIRLBOSS wurde

Die erste Zeit: Leistenbruch, Feilschgeschäfte und das traurige Häschen

Wir wollen dich nicht dabeihaben: Die eBay-Clique

Mir fehlen die Worte: Die Lila-Flapper-Dress-Saga

Schluss mit Auktionen

#GIRLBOSS-Porträt: Christina Ferrucci


3.Miese Jobs haben mir das Leben gerettet

Missglückte Jobabenteuer

Bekämpfe die Langeweile

Schule: nicht mein Ding

#GIRLBOSS-Porträt: Madeline Poole


4.Ladendiebstahl (und Trampen) haben mir das Leben gerettet

Ein kurzer Trip in die Anarchie

Unterwegs

No Time for Crime

Regeln einhalten – zumindest einige

#GIRLBOSS-Porträt: Alexi Wasser


5.Geld macht sich besser auf dem Bankkonto als an deinen Füßen

Die Kreditkartenfalle

Geld ist nicht alles, aber ohne Geld ist alles nichts

Die Kunst, um etwas zu bitten

Lass das Geld für dich arbeiten


6.Hokuspokus: Die Macht des magischen Denkens

Chaos-Magie

Behandele deine Gedanken wie deine Geldscheine: Verschwende sie nicht


7.Ich bin die Anti-Mode

Falsche Haltestelle

Misserfolg ist deine Erfindung

Du gehörst dahin, wo du hingehören möchtest

Wie es ist, ein Freak zu sein

Wenn du bekommst, was du willst, selbst wenn du es gar nicht mehr willst

#GIRLBOSS-Porträt: Norma Kamali


8.Über Mitarbeitergewinnung, Mitarbeiterloyalität und Kündigung

Mitarbeitergewinnung

Das notwendige Übel: Bewerbungsschreiben

Der Lebenslauf: Mehr als leeres Wortgeklingel

Das Bewerbungsgespräch: Verpatz es nicht

Networking ist nicht nur etwas für Armleuchter

Sei offen und aufrichtig …

… aber übertreibe es nicht

Fehler, die dich zur Dauerarbeitslosigkeit verdammen können

Du bist gut in deinem Job? Super! Dann sorge dafür, dass du ihn behältst!

Die fünf Worte, die du niemals aussprechen solltest

Gott und die Beförderung liegen im Detail

Grenzen und wie man sie einhält

Du musst dich genauso beweisen wie alle anderen

Gefeuert werden

Wie man jemanden feuert

»Sie sind gefeuert!« – ein Satz mit Folgen

#GIRLBOSS-Porträt: Christene Barberich


9.Wie du dich um das (dein) Geschäft kümmerst

Das inkrementelle Potenzial

Sei Unternehmer!

Die Nasty-Gal-Philosophie

Über Investoren

Überzeugende Argumente

Was nicht überzeugt

#GIRLBOSS-Porträt: Jenné Lombardo


10.Kreativität in jedem Detail

Das Fotoprojekt Armed to bless

Finde deinen Rahmen

Wie man als Sandwich-Künstlerin »Kunst« macht

Das Venn-Diagramm der Kreativität und des Geschäftslebens

#GIRLBOSS-Porträt: Leandra Medine

Hab deinen eigenen Stil wie deinen eigenen Gebrauchtwagen

W&H statt T&A: Der Nasty-Gal-Look

Es ist nicht heiß. Es ist nicht kalt. Es ist cool

Hab deinen eigenen Stil

#GIRLBOSS-Porträt: Ashley Glorioso


11.Die Chancen


Danksagung





#Girlboss – eine Chronologie

Ich bin schlecht, und das ist gut. Ich werde nie gut sein, und das ist nicht schlecht. Es gibt niemanden, der ich lieber wäre, als ich selber.

Randale-Ralph



1984: Ich wurde an einem Karfreitag in San Diego geboren, und das war zufällig der 20.4. Bevor du meinst, das sei eine Art Omen, will ich dir sagen, dass meine Konkurrenz das Einzige ist, was ich in der Pfeife rauche.1

1989: Ich schmiere im Kindergarten Kacke an die Wände; vielleicht war das mein erster echter künstlerischer Ausdruck.

1993: Meine Grundschullehrerin glaubt, mit mir stimme irgendetwas nicht. Auf ihrer Liste stehen unter anderem das Akute-Aufmerksamkeitsdefizit- und das Tourette-Syndrom.

1994: Mein Vater nimmt mich mit zu Walmart, wo ich einen Verkäufer frage, ob sie die »Ren-&-Stimpy-Puppen haben, die furzen, wenn man sie drückt«. Das ist der Beweis, dass ich sowohl ein großes Vokabular als auch einen leicht verdrehten Sinn für Humor habe.

1997: Ich verliebe mich in meinen ersten Vintage-Fummel: orangerote Discopants. Ich ziehe sie heimlich auf der Toilette der Roller-Disco an.

1999: Ich ergattere meinen ersten Job bei Subway. Der BLT-Sandwich2 verursacht bei mir eine Zwangsstörung.

2000: Ich hasse die Highschool und werde zum Psychiater geschickt, der Depressionen und ein Aufmerksamkeitsdefizit diagnostiziert. Ich probiere weiße Pillen. Ich probiere blaue Pillen. Ich komme zu dem Schluss, dass es besser ist, die Schule sein zu lassen, wenn so was nötig ist, um gerne zur Schule zu gehen. Ich werfe die Pillen weg und beschließe, zu Hause zu lernen.

2001: Meine Eltern lassen sich scheiden. Ich habe kein Problem damit und nutze die Gelegenheit, um auszuziehen und alleine für mich zu sorgen. Ich ziehe mit einer Truppe Musikern in eine Wohnung in der Innenstadt von Sacramento. Mein Zimmer ist ein Kleiderschrank unter der Treppe und meine Miete beträgt 60 Dollar pro Monat.

2002: Ich fahre per Autostopp die komplette Westküste entlang und lande schließlich im pazifischen Nordwesten und lebe von Lebensmitteln aus Abfallkörben (verschmähe nie einen Gratis-Bagel, bis du einen probiert hast) und Kleindiebstahl.

2002: Ich verkaufe meinen ersten Artikel online. Es ist ein gestohlenes Buch.

2003: Ich werde wegen Ladendiebstahls verhaftet und gebe augenblicklich das Klauen auf.

2005: Ich verlasse meinen Freund in Portland und ziehe nach San Francisco, wo ich von einem exklusiven Schuhladen gefeuert werde.

2006: Ich bekomme einen Leistenbruch, was bedeutet, dass ich einen Job finden muss, um krankenversichert zu sein. Ich finde einen, bei dem ich im Eingangsbereich einer Kunstakademie Ausweise überprüfe. Ich habe viel Zeit totzuschlagen, also stöbere ich im Internet herum und eröffne einen eBay-Shop namens Nasty Gal Vintage.

2014: Ich bin CEO eines 100-Millionen-plus-Dollar-Unternehmens mit einem 4.650 Quadratmeter großen Büro in Los Angeles, einem Distributions- und Auslieferungslager in Kentucky und 350 Angestellten.

– Hier bitte den Sound einer Schallplatte einblenden,

die kratzend zum Stillstand kommt –

Offensichtlich lasse ich hier einige Details aus, denn wenn ich dir in der Einleitung bereits alles verraten würde, bräuchtest du den Rest des Buches nicht mehr lesen, und ich möchte, dass du das Buch bis zu Ende liest. Aber es stimmt: In ungefähr acht Jahren habe ich mich von einem bankrotten, anarchischen »Freigeist«, der nur darauf aus war, gegen das System zu rebellieren, zu einer millionenschweren Geschäftsfrau entwickelt, die im Vorstandsbüro genauso zu Hause ist wie in einer Umkleidekabine. Ich hatte nie die Absicht, ein Vorbild zu sein, aber Teile meiner persönlichen Geschichte und die Lektionen, die ich daraus gelernt habe, möchte ich gerne mit euch teilen.

So wie sich Menschen in den vergangenen sieben Jahren durch die Looks ausgedrückt haben, die ich über Nasty Gal verkauft habe, möchte ich, dass du in der Lage bist, #GIRLBOSS zu nutzen, um dir ein tolles Leben zu erarbeiten, in dem du tun und lassen kannst, was du willst. Dieses Buch wird dir zeigen, wie du aus deinen eigenen Fehlern und den Fehlern anderer (zum Beispiel meinen) lernst. Dieses Buch wird dir zeigen, wann du nachgeben und wann du mehr fordern musst. Es wird dich lehren, Fragen zu stellen und nie den äußeren Anschein für den Inhalt zu nehmen und zu wissen, wann du die Regeln befolgen und wann du sie neu schreiben musst. Es wird dir helfen, deine Schwächen zu bestimmen und deine Stärken auszuspielen. Es wird dir zeigen, dass das Leben mitunter Ironien birgt. Zum Beispiel habe ich ein Onlinegeschäft gegründet, damit ich von zu Hause aus arbeiten konnte … alleine. Heute spreche an einem Arbeitstag mit mehr Menschen, als ich früher in einem ganzen Monat gesprochen habe. Aber ich beschwere mich nicht.

Dieses Buch wird dir nicht zeigen, wie man schnell reich wird, die Modeindustrie im Sturm erobert oder ein Unternehmen gründet. Es ist auch kein feministisches Manifest und es sind keine Memoiren. Ich will auch nicht zu viel Zeit damit verbringen, darüber zu sprechen, was ich bereits erreicht habe, denn es gibt immer noch so viel zu tun. Dieses Buch wird dir nicht zeigen, wie du dich morgens anziehst. Das Buch wird dich prägen – aber erst, wenn du allen deinen Freundinnen gesagt hast, dass sie es kaufen sollen.

Während du das hier liest, habe ich drei Ratschläge, von denen ich gerne möchte, dass du sie dir gut einprägst: Werde nie erwachsen. Werde nie eine Langweilerin. Lass dich niemals vom Establishment vereinnahmen.

Okay? Cool. Dann kann’s losgehen.

#GIRLBOSS für ein ganzes Leben.





* Ein #GIRLBOSS weiß, wann sie austeilen und wann sie einstecken und sich anpassen muss.





1. Du willst also ein #GIRLBOSS sein?


Das Leben ist kurz. Sei nicht faul.

Ich



Du willst also ein #GIRLBOSS sein? Dann will ich dir zwei Dinge sagen. Erstens: super! Du hat bereits den ersten Schritt zu einem großartigen Leben gemacht, indem du das überhaupt willst. Zweitens: Das ist der einzige Schritt, der leicht ist. Eines musst du nämlich wissen: Ein #GIRLBOSS zu sein, ist alles andere als ein Kinderspiel. Das erfordert viel harte Arbeit, und wenn du es geschafft hast, musst du noch härter arbeiten, um es auch zu bleiben. Auf der anderen Seite: Wer hat schon Angst vor harter Arbeit? Ich ganz bestimmt nicht, und ich bin sicher, du auch nicht. Und falls doch, bin ich sicher, dass dieses Buch deine Einstellung ändern wird, sodass du am Ende des letzten Kapitels geradezu nach harter Arbeit schreien wirst: »Wo ist die Arbeit!?! Ich will arbeiten, und zwar jetzt sofort!«

Ein #GIRLBOSS ist eine Frau, die ihr Leben selber bestimmt. Sie bekommt, was sie will, weil sie dafür arbeitet. Als #GIRLBOSS übernimmst du das Steuer und die Verantwortung. Du bist eine Kämpferin – du weißt, wann du austeilen und wann du dich anpassen musst. Manchmal brichst du die Regeln, manchmal befolgst du sie, aber das bestimmst du immer selbst. Du weißt, wohin du zielst, musst auf dem Weg dorthin aber auch Spaß haben. Dir ist Ehrlichkeit wichtiger als Perfektion. Du stellst Fragen. Du nimmst dein Leben ernst, nimmst dich aber selber nicht so ernst. Du machst dich daran, die Welt zu erobern und sie dabei zu verändern. Du bist einfach knallhart.





Warum solltest du auf mich hören?


Frauen sind natürliche Anarchisten und Revolutionäre.

Kim Gordon

Wenn es Regeln gäbe, um ein #GRILBOSS zu sein – die gibt es aber nicht –, dann würde eine lauten, dass du alles infrage stellen solltest, auch mich. Wir starten hier definitiv auf dem rechten Fuß.

Ich bin Gründerin, CEO und Kreativdirektorin von Nasty Gal. Ich habe dieses Unternehmen ganz alleine in nur sieben Jahren aufgebaut, und zwar noch vor meinem 30. Geburtstag. Ich stamme weder aus einer reichen Familie noch habe ich prestigeträchtige Schulen oder Universitäten besucht, und es gab auch keine Erwachsenen, die mir auf meinem Weg Ratschläge erteilt haben. Ich habe alles alleine herausgefunden. Über Nasty Gal steht viel in der Presse, aber oft klingen die Berichte wie Märchen. Intuitive Schläue in Kombination mit einer Aschenputtel/Tellerwäscher-Story? Stimmt. Der Traumprinz? Wenn wir über meinen Investor, Danny Rimer von Index Ventures sprechen, dann stimmt’s. Viele Schuhe? Stimmt. Es ist für mich zwar in Ordnung – Presse ist prima –, aber ich habe keine Lust, den Eindruck zu verstärken, das habe alles über Nacht stattgefunden und es sei mir einfach »passiert«. Versteh mich nicht falsch: Ich bin die Erste, die zugibt, dass ich in vielfacher Hinsicht Glück gehabt habe, aber ich muss betonen, dass nichts davon Zufall war. Es hat Jahre gedauert, in denen ich vor lauter Herumwühlen in Vintage-Klamotten schmutzige Fingernägel und ein paar Verbrennungen vom Dampfbügeln hatte – sowie unzählige alte Papiertaschentücher in der Jackentasche, bis ich an dem Punkt war, an dem ich jetzt bin.

Vor nicht allzu langer Zeit sagte mir jemand, ich hätte die Verpflichtung, Nasty Gal so weit wie möglich voranzubringen, weil ich für junge Frauen, die ihr eigenes Leben mit coolen Dingen verbringen wollen, ein Vorbild bin. Ich bin mir immer noch nicht sicher, wie ich dazu stehe, denn den größten Teil meines Lebens habe ich nicht einmal an das Konzept eines Vorbilds geglaubt. Ich will auch auf kein Podest gehoben werden. Abgesehen davon bin ich sowieso viel zu unruhig, um dort stehen zu bleiben. Ich würde lieber alle aufmischen und Geschichte machen, wenn ich schon dabei bin. Ich will auch nicht, dass du zu mir aufsiehst: #GIRLBOSS. Denn von so viel Aufschauen bleibst du am Ende unten. Die Energie, die du darauf verwendest, dich auf das Leben eines anderen Menschen zu konzentrieren, investierst du besser in dein eigenes Leben. Sei dein eigenes Idol.

Ich erzähle hier meine Geschichte, um dich daran zu erinnern, dass der gerade, schmale Weg nicht der einzige Erfolgspfad ist. Wie du beim Lesen des restlichen Buchs erkennen wirst, habe ich in meiner Jugend nicht viele Auszeichnungen gewonnen. Ich war eine Schulabbrecherin, eine Nomadin, eine Diebin, eine beschissene Studentin und eine faule Angestellte. Als Kind war ich stets in Schwierigkeiten. Ob ich meiner besten Freundin Magenschwinger verpasste, als sie mein Play-Doh-Spielzeug fallen ließ (ich war vier), oder verpetzt wurde, weil ich bei einem Familientreffen Haarspray entzündet habe (schuldig) – immer war ich ein schlechtes Beispiel. Als Jugendliche war ich unsicher, voller Ängste und Anspannung, und als Erwachsene bin ich im Wesentlichen eine junge, weibliche, halb griechische Ausgabe des US-Komikers Larry David – unfähig, Unbehagen, Unzufriedenheit oder Zweifel zu verbergen, unausweichlich ich selber und oft ehrlich bis zur Taktlosigkeit.

Ich habe den üblichen Weg mit Billigjobs und Community College – einer Art Volkshochschule – probiert, aber das hat für mich einfach nicht funktioniert. Ich habe so lange gehört, dass der Pfad zum Erfolg mit einer Reihe von Kästchen gepflastert ist, die du abhakst, beginnend mit dem Erwerb eines Diploms und einer regelmäßigen Arbeit, dass ich für ein Leben auf der Versagerspur verdammt war. Ich hatte allerdings schon immer den Verdacht, dass ich zu etwas Größerem fähig und bestimmt war. Dieses Etwas stellte sich als Nasty Gal heraus, und weißt du was? Ich habe Nasty Gal nicht gefunden, ich habe es erschaffen.

Mach dich von allem los, das dich möglicherweise bremst und zurückhält. Lerne, deine eigenen Chancen zu erschaffen. Erkenne, dass es keine Grenzlinie gibt; das Glück ist mit den Aktiven. Erstürme das außergewöhnliche Leben, von dem du immer geträumt hast oder das du dir aus Zeitgründen noch nicht erträumt hast. Und bereite dich darauf vor, auf deinem Weg verdammt viel Spaß zu haben.

Dieses Buch trägt den Titel #GIRLBOSS.

Heißt das, dass es ein feministisches Manifest ist?

Oh Gott. Ich nehme an, darüber müssen wir sprechen.

#GIRLBOSS ist ein feministisches Buch, und Nasty Gal ist ein feministisches Unternehmen in dem Sinne, dass ich dich als Frau dazu ansporne zu sein, wer du sein willst, und zu tun, was du tun willst. Aber ich bin nicht hier, um uns alle »Schwestern« zu nennen und Männern die Schuld an irgendeinem meiner Kämpfe und Probleme zu geben, die ich auf meinem Weg bewältigen musste.

Zu keinem Zeitpunkt in meinem Leben habe ich gedacht, eine Frau zu sein, sei etwas, das man überwinden müsse. Meine Mutter musste als Jugendliche kochen und putzen, während ihre Brüder ihre Jugend genießen konnten. Nach der Erfahrung meiner Mutter ist es definitiv ein Nachteil, eine Frau zu sein. Vielleicht, weil meine Eltern beide voll berufstätig waren oder weil ich keine Geschwister habe, habe ich diese Art Vorzugsbehandlung, wie sie die Brüder meiner Mutter genossen, nie kennengelernt. Ich kenne Generationen an Frauen, die für ihre Rechte kämpfen mussten, die für mich selbstverständlich sind, und in anderen Teilen dieser Welt würde ein Buch wie dieses nie gedruckt werden. Ich glaube, der beste Weg, um die Vergangenheit und Zukunft der Rechte von Frauen zu ehren, ist, einfach aktiv zu werden und Dinge umzusetzen. Anstatt herumzusitzen und darüber zu labern, wie gerne ich etwas machen würde, tue ich es einfach und boxe mich durch.

Meine erste Reaktion auf beinahe alles im Leben war und ist stets »Nein«. Um Dinge wirklich wertschätzen zu können, muss ich sie zuerst ablehnen. Nenn es dickköpfig oder stur, aber das ist der einzige Weg, über den ich mir etwas zu eigen machen kann, nämlich indem ich es in meine Welt einlade, anstatt es mir in den Schoß fallen zu lassen. Mit 17 zog ich behaarte Beine hohen Absätzen vor und meine Körperhygiene ließ sich bestenfalls als »Crust-Punk3« bezeichnen. Ich trug Männerklamotten, die ich bei Walmart gekauft hatte. Bei den seltenen Gelegenheiten, bei denen mir ein Mann die Tür aufhielt, reagierte ich ablehnend-beleidigt und schnappte: »Vielen Dank, aber ich kann mir schon selber die Tür aufmachen.« Seien wir ehrlich, das ist nicht feministisch, sondern völlig ungehobelt.

Inzwischen weiß ich, dass es mich nicht weniger unabhängig macht, wenn mir jemand die Tür aufhält. Und wenn ich Make-up auftrage, dann nicht, um irgendwelchen antiquierten patriarchalischen Idealvorstellungen von weiblicher Schönheit zu entsprechen, sondern weil ich mich dann gut fühle. Das ist der Geist von Nasty Gal: Wir wollen, dass du dich für dich selber attraktiv anziehst und dass du weißt, dass es nicht oberflächlich ist, wenn du auf dein Äußeres achtest. Ich sage dir, dass du dich nicht zwischen intelligent und sexy entscheiden musst. Du kannst beides sein. Du bist beides.

Bedeutet das Jahr 2015 ein neues Zeitalter des Feminismus, in dem wir nicht mehr darüber sprechen müssen? Ich weiß es nicht, aber ich möchte gerne so tun, als sei es so. Ich will nicht lügen – es hat etwas Beleidigendes, dafür gelobt zu werden, dass man eine Frau ohne Universitätsabschluss ist. Aber dann wird mir klar, dass das auch mein Vorteil ist. Ich kann zu einem Meeting gehen und die Leute umhauen, indem ich einfach ich selber bin – die vom Leben geschulte Frau, die ihre Lektionen auf der Straße gelernt hat. Ich, zusammen mit zahllosen anderen #GIRLBOSSes, die in diesem Buch porträtiert werden, den Frauen, die dieses Buch lesen, und den Frauen, die erst noch ein #GIRLBOSS werden müssen, tun das nicht, indem sie lamentieren, sondern kämpfen. Du wirst nicht ernst genommen, indem du andere darum bittest, dich ernst zu nehmen. Du musst einfach auftreten und dich durchsetzen. Wenn das eine Männerwelt ist, wen kümmert’s? Ich bin trotzdem froh, in dieser Welt eine Frau zu sein.





Die Theorie der roten Schnur


Als ich ins Erwachsenenalter kam, glaubte ich, Kapitalismus sei Betrug. Stattdessen habe ich festgestellt, dass es eine Art Alchemie ist. Du kombinierst harte Arbeit mit Kreativität und Selbstbestimmung, und dann fangen Dinge an zu passieren. Und wenn du diese Alchemie einmal begriffen hast oder sie gerade erst erkennst, dann beginnst du, die Welt mit anderen Augen zu sehen.

Ich glaube jedoch, dass ich die Welt schon immer mit anderen Augen gesehen habe. Meine Mutter sagt, als ich fünf war, hätte ich auf dem Spielplatz eine rote Schnur hinter mir hergezogen. Alle Kinder fragten mich, was das sei, und ich sagte ihnen, ich hätte einen Drachen. Bald darauf hatten alle eine rote Schnur, und wir liefen zusammen und unsere imaginären Drachen flatterten hoch am Himmel.

Wenn dieses Buch und ich irgendetwas zu beweisen haben, dann die Tatsache, dass auch andere Menschen an dich glauben werden, wenn du an dich selber glaubst.





»Mit wenigen Handgriffen von mir wirkten ein überdimensionierter Anorak wie von Comme des Garçons und Skihosen wie von Balenciaga.«





* LANGEWEILE





2. Wie ich zum #GIRLBOSS wurde



Die erste Zeit: Leistenbruch, Feilschgeschäfte und das traurige Häschen


Du hast also beschlossen, es zu wagen und ein eBay-Unternehmen zu starten. Dann solltest du dir zuerst überlegen, wie viel Zeit du deinem Geschäft widmen kannst. Ich rate dir, deinen festen Job (zunächst) nicht aufzugeben.

Mein eBay-Shop für Dummies



Ich bin hier total ehrlich, und das bin ich wirklich – Nasty Gal wurde gegründet, weil ich einen Leistenbruch hatte. Ich lebte zu der Zeit in San Francisco, war arbeitslos und stellte plötzlich fest, dass ich einen Leistenbruch hatte. Ich trug damals fast nur superenge Hosen, und der Bruch war selbst durch die Klamotten zu sehen, so ein kleiner Knoten, der sich immer hervorbeulte. Einmal machte ich eine komplette Intimrasur, nur die Haare, die diesen Knoten verdeckten, ließ ich stehen. Es war mir eindeutig scheißegal. Aber Spaß beiseite, ich wusste, dass ein Leistenbruch medizinisch behandelt werden muss, und um diese Behandlung zu bekommen, brauchte ich eine Krankenversicherung. Und um krankenversichert zu sein, brauchte ich einen Job. Einen echten.



Wo alles seinen Anfang nahm: der Eingangsbereich einer Kunstschule, ein Ufo-Haarschnitt und eine Internetverbindung



Ich fand einen Job als Ausweiskontrolleurin im Eingangsbereich einer Kunstschule und riss die 90 Tage ab, die man als Wartezeit herumbringen muss, bis man ein Recht auf die Sozialleistungen hat. Wie ihr euch wahrscheinlich vorstellen könnt, war die Kontrolle von Uniausweisen nicht gerade ein aufregender Job, daher hatte ich viel Zeit, im Internet zu surfen. Damals war MySpace angesagt (mein Benutzername war WIGWAM). Irgendwann fiel mir auf, dass ich eine Menge Freundschaftsanfragen von eBay-Verkäufern bekam, die Werbung für ihre Vintage-Klamotten bei jungen Frauen wie mir machten.

Nach 90 Tagen war ich krankenversichert, ließ meinen Leistenbruch behandeln und machte mich vom Acker. Während der Heilungsphase zog ich aus meiner Wohnung aus und verbrachte zu meinem und zum Entsetzen meiner Mutter einen ganzen Monat zu Hause. Ich hatte weder ein Einkommen noch irgendwelche Pläne. Aber ich hatte einen Haufen Zeit. Ich erinnerte mich an die Freundschaftsanfragen, die von den ganzen Vintage-Verkäufern erhalten hatte, und dachte: »Scheiße, das kann ich auch!« Ich hatte Erfahrung mit Fotografie. Ich hatte superattraktive Freundinnen, die ich als Models verwenden konnte. Ich trug selber ausschließlich Vintage und kannte die Tricks. Und ich war eine gewiefte Altkleiderverwerterin.

Als Erstes kaufte ich ein Buch: Mein eBay-Shop für Dummies, aus dem ich lernte, wie man sein eigenes Geschäft aufbaut. Zunächst musste ich einen Namen für mein Geschäft finden. Viele der Vintage-Shops bei eBay hatten so abgefahrene Namen, dass es schon wehtat – zum Beispiel »Lady in the Tall Grass Vintage« oder »Spirit Moon Raven Sista Vintage«. Der Widerspruchsgeist in mir griff also zur Tastatur und tippte Nasty Gal Vintage in die Tasten, inspiriert von meinem Lieblingsalbum der legendären Funk-Sängerin und Wild Woman Betty Davis.

Wahrscheinlich ist sie am meisten dafür bekannt, dass sie Miles Davis’ Exfrau war, aber es war ihre Musik (sie hatte wahrscheinlich die beste Rhythmusgruppe, die es gab), ihre schamlose, sexy Art und ihre Offenherzigkeit, die mich zu ihrem Fan machten. Sie war der ultimative #GIRLBOSS mit ihren Auftritten in Dessous und Netzstrümpfen und dieser charakteristischen Bewegung, mit der sie mit ihren Plateauschuhen einen steilen Fußtritt in die Luft machte. Ihre Songs hießen »Your Mama Wants You Back«, »Don’t Call Her No Tramp« und »They Say I’m Different«. Sie komponierte ihre eigenen Songs, schrieb die Texte und produzierte sie, was in den Siebzigern für eine Frau ziemlich unerhört war. So umwerfend, wie Betty Davis war, war sie ihrer Zeit einfach viel zu weit voraus, um Mainstream zu sein. Ich dachte, ich hätte einfach einen Namen für meinen eBay-Shop ausgewählt, tatsächlich lud ich die ganze Marke nicht nur mit meinem Geist, sondern auch dem Geist dieser unglaublichen Frau auf.

Als ich den Shop endlich eröffnete, war Vintage schon lange ein Teil meines Lebens. Ich hatte schon immer eine Schwäche für alte Sachen und die Geschichten, die sie erzählen. Mein Großvater leitete in West Sacramento ein Motel, und mein Vater war eines von sieben Kindern, das mit der Instandhaltung dieses Motels aufgewachsen war. Als ich noch ein kleines Kind war, besuchten wir meine Großeltern. Dort gab es eine Abstellkammer voller Zauberdinge – ein altes Hexenbrett, Siebzigerjahre-T-Shirts mit kurzen, angeschnittenen Ärmeln und abgedrehten aufgebügelten Grafiken, die alte Münzsammlung meiner Tante. Es war einfach der ganze Krempel, den Leute, die in den Sechziger- und Siebziger-Jahren aufgewachsen waren, zurückgelassen hatten, aber ich fand es genial.

Als Teenager zog ich Secondhand-Klamotten stets neuen Sachen vor – eine Vorliebe, die meine Mutter immer wieder sprachlos machte. Sie ertrug zahllose Ausflüge in die lokale Einkaufsmeile, in dem vergeblichen Versuch, mich einzukleiden, während ich irgendein 50-Dollar-Top hochhielt und ihr sagte, das sei es »doch wirklich nicht wert«. Hätte es damals Nasty Gal gegeben, hätte ich einen Haufen Zeug gefunden, für den meine Mutter hätte Geld ausgeben können, aber das Einkaufszentrum war einfach öde. Die zahllosen Geschäfte, deren Schaufenster mir »normal« entgegenschrien, machten mich einfach nicht an, und der Gedanke, dafür zu bezahlen, dass ich hinterher aussah wie alle anderen, erschien mir total lächerlich. Am Ende machten wir einen Kompromiss. Zwar fand meine Mutter, es »rieche so komisch« in Secondhand-Läden, aber sie war bereit, draußen zu warten, während ich shoppte. Was allerdings nicht bedeutete, dass sie meine Klamottenauswahl immer guthieß.



Zwei Fieslinge in Polyester



Ich erinnere mich noch genau, wie sie mich vor einer Freundin demütigte, als sie von mir verlangte, ich solle hochgehen und mir eine andere Bluse anziehen – nicht, weil sie fand, ich zeige zu viel Fleisch oder sei auf andere Weise unangemessen bekleidet, sondern weil sie meine braune Polyesterbluse mit Paisleymuster einfach scheußlich fand.

Als ich um die 20 war, trug ich fast nur Vintage-Klamotten. In San Francisco entschieden meine Freunde und ich uns für ein Jahrzehnt und blieben ihm treu. Wir hörten alte Musik, fuhren alte Autos und trugen alte Klamotten. Meine Zeit waren die Siebziger. Ich trug meine langen Haare im Rock-’n’-Roll-Stil mit Mittelscheitel und dazu meine neue bei eBay erstandene taillenhohe Polyesterhose, Plateauschuhe und Vintage-Neckholder-Tops.

Mit meinem neuen Shop hob ich Secondhand auf eine ganz neue Ebene. Auf Craigslist fand ich ein Theaterunternehmen, das dichtmachte und einen Lastwagen voll Vintage vertickte. Zu diesem Haufen Wollcapes und Gunne-Sax-Kleider warf ich meine eigenen Stücke, und plötzlich hatte ich ein beachtliches Sortiment an Ware. Ich fuhr zum Discountmarkt Target und kaufte einige Plastikcontainer, Wäscheklammern, ein Dampfbügeleisen und eine Kleiderstange auf Rollen und machte mich daran, eine erste Auktionsrunde vorzubereiten. Dann spannte ich meine Mutter ein und bildete mit ihr ein rudimentäres Fließband: Ich rief ihr die Maße der Kleidungsstücke zu und meine Mutter schrieb sie auf einen Zettel und steckte ihn auf dem jeweiligen Kleidungsstück fest.

Mein erstes Model war Emily, ein superhübsches Girl und damals die Freundin eines Freundes. Mit ihren unzähligen Tattoos, ihren langen Haaren und ihren coolen Stirnfransen war sie eine ungewöhnliche Wahl. Aber sie war klasse. Ich machte Fotos von ungefähr zehn Kleidungsstücken, die ich angehäuft hatte, gab die Beschreibung, die Maße und weitere Informationen bei eBay ein und wartete meine Zehntagesauktionen ab und beantwortete unterdessen die ach so aufregenden Fragen meiner allerersten Kunden. Mit jeder Woche wurde ich schneller, cleverer und wusste besser, was Frauen wollten. Und mit jeder Woche wuchs der Erfolg meiner Auktionen. Wenn sich die Klamotten verkauften – cool. Dann rannte ich sofort los, um ähnliche Klamotten zu finden. Verkauften sie sich nicht, fasste ich sie nie wieder an. So schockierend, wie es ist, aber hübsche Frauen wollen offensichtlich keine sogenannten Drug Rugs tragen – diese alternativen Kapuzenshirts im mexikanischen Poncho-Look, die gerne von Strandgammlern getragen und auch Baja Hoodies genannt werden. Es machte geradezu süchtig; für einen Freak wie mich gab es nichts Größeres als die augenblickliche Befriedigung zu erleben, wie meine Auktionen live gingen.

Ich suchte auf Craigslist nach Haushaltsauflösungen und Garagenverkäufen und erstellte eine Karte, wobei ich immer bei den Namen begann, die nach richtig »alten« Verstorbenen klangen. Ich tauchte dort um 6 Uhr morgens auf und wartete in der Schlange mit Menschen, die alle mindestens 20 Jahre älter waren als ich. Wenn sich die Tür öffnete, rannten alle los auf der Suche nach Zierdeckchen, während ich pfeilgerade auf den Kleiderschrank zuschoss, um Vintage-Mäntel, Mod-Minikleider aus den Sechzigern, Discogewänder aus der Halston-Ära und viele, viele Jogginganzüge im Golden-Girls-Stil zutage zu fördern. Ich hortete, feilschte, zahlte und machte mich davon. Als regelmäßige Kundin der lokalen Secondhand-Läden wartete ich außerdem immer darauf, dass die Mitarbeiter Einkaufswagen soeben ausgezeichneter Klamotten aus dem Lager in den Laden rollten, und wenn sie einen Arm voll Klamotten herauszogen, um sie auf den Bügel zu hängen … zack! Sofort war ich zur Stelle und wühlte in dem Kleiderberg, um zu sehen, welche tollen Fundstücke mich erwarteten. Einmal fand ich zwei Chanel-Jacken in demselben Einkaufswagen. Wühl, wühl, wühl – Chanel-Jacke – wühl, wühl, wühl – noch eine! Für jede zahlte ich 8 Dollar. Ich bot sie bei eBay zu einem Startpreis von 9,99 Dollar an und schlug sie am Ende für 1.500 Dollar los. Ich hatte keine Ahnung, was eine Bruttomarge ist, aber ich wusste, ich war auf eine Goldmine gestoßen.

Im Rückblick war ich wahrscheinlich die schlimmste Kundin des Secondhand-Ladens – und zwar nicht nur, weil ich überall meine Finger drinhatte, sondern auch, weil ich immer feilschte. »Dieser Pulli hat ein Loch«, sagte ich, wenn ich zur Kasse ging. »Bekomme ich 10 Prozent Nachlass?« Selbst wenn es nur 50 Cent waren, lohnte es sich in meinen Augen. Jeder Cent zählte.

Mit 22 Jahren kehrte ich in ein Vorortviertel zurück, einem Ort, vor dem ich einige Jahre zuvor schreiend davongelaufen war. Der Quadratmeterpreis in San Francisco war astronomisch hoch, daher eröffnete ich meinen Laden in Pleasant Hill, Kalifornien, eine Stunde von meinen Freunden entfernt. Ich wohnte in einem Poolhäuschen ohne Küche, zahlte 500 Dollar Miete und stopfte jeden Zentimeter voll mit Vintage. Ich arbeitete vom Bett aus, das mit Klamotten übersät und von Verpackungsmaterial umringt war. Überall stapelte sich alles: Kartons schaukelten auf einem Sandwichofen, der wiederum auf einem Minikühlschrank stand – so wie das klassische Jenga-Spiel, bei dem man Türme aus bunten Holzklötzen baut.

Jeden Tag fuhren mein Haardutt und ich zu Starbucks und bestellten ein Venti Soy No Water No Foam Chai. Je nach Wetter trank ich ihn geeist oder heiß, aber ungefähr fünf Jahre lang trank ich jeden Tag, den Gott werden ließ, einen dieser Chais. Wenn ich Hunger hatte, warf ich mir einen muffigen Pullover über, an dessen Vorderseite ein Preisschild getackert war, auf dem 4,99 Dollar stand, vergaß, dass das etwas seltsam wirkte, und fuhr zu Burger Road, meinem Lieblingslokal im Ort. Ich dachte nie darüber nach, dass ich rund 100 Dollar pro Monat bei Starbucks ließ oder irgendetwas verpasste, weil ich so weit weg von meinem Leben in der Stadt lebte. Ich war süchtig nach meinem neuen Geschäft und wollte es jeden Tag wachsen sehen.

Wenn ich nicht unterwegs auf der Suche nach neuer Ware war, war ich zu Hause und machte neue Freunde bei MySpace. Mein bevorzugtes Outfit war ein Produkt meines neuen Lifestyles, zu dem es nicht gehörte, mich zu duschen, anzuziehen oder gut auszusehen. Das »traurige Häschen«, wie Gary, mein damaliger Freund, ihn nannte, war ein überdimensionierter plüschiger Oma-Bademantel, der bis auf den Boden hing. Manchmal krönte ich diesen Look mit einem knatschrosa Handtuch auf dem Kopf, falls mich an diesem Tag doch mal die Lust überkommen hatte, zu duschen. Wenn du zufällig eine der 60.000 Mädchen und Frauen warst, die ich zu meinen MySpace-Freundinnen machte, dann tut’s mir leid. Nasty Gal Vintage wurde damals von einer Workaholic-Mutation geführt, die sich anzog wie ein trauriges Osterhäschen.

Ich hatte eine spezielle Friend-Adding-Software installiert, was völlig gegen die MySpace-Regeln verstieß. Ich suchte nach, sagen wir, den Freundinnen von It-Girls und nahm als Freunde nur Mädchen und Frauen in einem bestimmten Alter und aus bestimmten Städten auf. Alle zehn neuen Freunde musste ich den CAPTCHA-Code eingeben, um zu beweisen, dass ich ein lebendiger Mensch und kein Spamming-Computer war. Eigentlich war ich beides. Wenn ich eine Zeitschrift, eine Musikerin, eine Marke oder ein It-Girl abgeschöpft hatte, wechselte ich zum nächsten. Das »traurige Häschen« und ich waren im »Flow«, gaben CAPTCHA-Codes ein und sahen zu, wie die Zahl meiner Freunde wuchs, als fremde Mädchen meine Anfrage akzeptierten. Bald hatte ich mehrere Zehntausend Freunde auf MySpace, das ich nutzte, um Leute zu meinem eBay-Shop zu weiterzuleiten. Für jede Nasty-Gal-Vintage-Auktion erstellte ich ein MySpace-Bulletin und einen Blogpost. Damals wusste ich das nicht, aber was ich tat, gehört zu den beiden Schlüsseln zu einem erfolgreichen Geschäft: seine Kunden zu kennen und zu wissen, wie man kostenloses Marketing bekommt.

Außerdem beantwortete ich jeden einzelnen Kommentar, den Leute auf meiner Website hinterließen. Das erschien mir einfach als ein Akt der Höflichkeit. Viele Unternehmen gaben Millionenbeträge aus, um in sozialen Medien auf Kundenfang zu gehen, ich folgte einfach meinem Instinkt und behandelte meine Kunden wie persönliche Freunde. Auch wenn mich kein Manager beobachtete, um mir einen goldenen Stern zu verleihen, war es mir wichtig, mein Bestes zu geben. Wen kümmert es, wenn im Wald ein Baum umfällt und niemand es mitkriegt? Der Baum fällt trotzdem um. Wenn du glaubst, dass das, was du tust, zu positiven Ergebnissen führen wird, dann wird es das – auch wenn es nicht unmittelbar ersichtlich ist. Wenn du in der Arbeit die gleichen Standards einhältst, die du als Freundin, Partnerin, Studentin oder in anderen Beziehungsverhältnissen erfüllst, zahlt sich das aus.

Jede Woche verbrachte ich einen ganzen Tag mit Fotoshootings in der Einfahrt, wobei die blaue Garagentür als Hintergrundkulisse diente. Am Abend zuvor wurde eine interessante Mischung an Vintage-Klamotten ausgesucht, wobei ich darauf achtete, dass keine zwei ähnlichen Artikel gleichzeitig gelistet wurden. Auf diese Weise kannibalisierten sich meine Waren nicht und ich konnte das Potenzial jedes einzelnen Artikels maximieren. Die Models wurden über MySpace gecastet und ich zahlte sie mit einem Ausflug zu Burger Road im Anschluss an das Fotoshooting. Da ich nicht nur die Stylistin, sondern auch die Fotografin war, entwickelte ich ein spezielles Talent dafür, mit einer Hand Klamotten auf- und zuzuknöpfen und mit der anderen die Kamera zu halten.



Als es nicht mehr funktionierte, Models mit Hamburgern zu bezahlen, posierte ich selbst für meine Fotoshootings



Ich stylte die Girls wie echte Models, die geradewegs für das Shooting einer Modezeitschrift posierten. Mit wenigen Handgriffen von mir wirkten ein überdimensionierter Anorak wie von Comme des Garçons und Skihosen wie von Balenciaga. Die Silhouette war bei meinen Fotos immer das wichtigste Element. Das war auf eBay erfolgsentscheidend, weil es das war, was hervorstach, wenn potenzielle Kundinnen eilig durch das Angebot blätterten und jedem Artikel weniger als eine Mikrosekunde widmeten. Je intensiver ich mich mit Modefotografie beschäftigte, desto klarer wurde mir, dass die Silhouette der Schlüssel zum Erfolg ist. Wenn die Silhouette schmeichelhaft ist, dann ist es egal, ob die Person, die die Kleidung vorführt, eine Laufstegfigur hat oder nicht.

Ich erinnere mich, dass ich eines Tages in einem Vintage-Store in San Francisco stöberte, als mir das Mädchen, das dort arbeitete, etwas beichtete: Bevor sie freitags ausgehe, hole sie sich auf der Website von Nasty Gal Vintage immer Stylingideen. Ich begann zu erkennen, dass ich meinen Kundinnen einen Stylingservice bot, auch wenn das nie meine Absicht gewesen war. Da ich von Kopf bis Fuß jedes einzelne Kleidungsstück stylte, das ich verkaufte, zeigte ich jungen Frauen gleichzeitig, wie sie sich stylen konnten. Und auch wenn du selten hören wirst, dass ich dafür plädiere, irgendetwas umsonst herzugeben, war diese Erkenntnis eine der tiefgründigsten und besten, die ich in meinem Geschäft hatte. Ich wusste immer, dass Nasty Gal Vintage mehr war als ein reiner Klamottenverkauf, aber hier war der Beweis: In Wirklichkeit halfen wir jungen Frauen, super auszusehen und sich unwiderstehlich zu fühlen, wenn sie das Haus verließen.

Beim ersten Mal, als ich einfach nur Stylistin spielen wollte und das Steuer einem anderen Fotografen überließ, gewann ich einen Freund fürs Leben. Als ich auf Paul Trapanis Website stieß, war dieser bereits ein erfolgreicher freiberuflicher Fotograf, der Modestrecken für Magazine schoss. Ich ging davon aus, dass er unerreichbar war, aber seine Telefonnummer stand auf seiner Website, also rief ich ihn an und war schockiert, als er antwortete und sagte, er habe von Nasty Gal Vintage gehört. An diesem Punkt war ich nichts weiter als eine junge Frau in einem Raum mit ein paar Dutzend verrückten Kundinnen – kaum etwas, von dem ich erwartet hätte, dass jemand wie Paul schon mal davon gehört hätte. Und nicht nur das, er war bereit, für ein Tauschgeschäft zu arbeiten, das darin bestand, dass er die Fotos für sein Portfolio nutzen würde, wenn ich die Models buchte, den Ort für das Shooting finden und alles perfekt stylen würde.

Zwar hatte ich eine treue eBay-Gefolgschaft und meine Auktionen begannen, immer höhere Preise zu erzielen, aber Nasty Girl Vintage war immer noch ein ziemlich kleines Unternehmen. Wenn das Angebot eines kostenlosen Hamburgers jedoch nicht ausreichte, um ein potenzielles Model zu überzeugen, dann tat es meistens die Aussicht auf einen witzigen Nachmittag (inklusive einiger Fotos des betreffenden Mädchens in einem sensationellen Styling). Ich gewann Lisa, eine schöne, hochgewachsene Brünette mit Kulleraugen und Schmollippen und wir fuhren gemeinsam nach Port Costa, eine abgelegene Kleinstadt in der East Bay, die – wenn man es nicht anders wüsste – den Eindruck vermittelt, als wohnten dort ausschließlich Mitglieder der Hells Angels. Es gibt eine einzige Bar namens Warehouse mit 400 Biersorten und einem ausgestopften Eisbären, ein Motel, und das war’s. Das Motel war ursprünglich ein Puff gewesen und jedes Zimmer trug den Namen des Mädchens, das dort gearbeitet hatten: Zimmer Bertha, Zimmer Edna usw. Und dort veranstalteten wir die Fotosession. Der Hintergrund war eine Mischung aus einer sensationell antiquierten Blümchentapete und klobigen Sofas aus den Achtzigern, und das Licht war hartes Kamerablitzlicht, das von verschleiertem Sonnenlicht gedämpft wurde, das durch das Fenster schien. Für einige Fotos posierte ich sogar selber als Model; insgesamt hatten wir einen Mordsspaß.



Ein Foto, das Paul 2007 bei unserem ersten Nasty-Girl-Fotoshooting in Port Costa von Lisa und mir machte



Viele Leute glauben, zu Hause zu arbeiten sei wie Urlaub, wo du machst, was du willst und wann du willst. Das stimmte in meinem Fall jedenfalls nicht. Die Anforderungen von eBay zwangen mir den strengsten Terminplan auf, den ich je ertragen habe. Da meine Auktionen zeitlich festgelegt waren, hätte es sehr reale Konsequenzen gehabt, wenn ich irgendwelche Fristen verpasst hätte. Die beste Zeit, um mit einer Auktion live zu gehen, war Sonntagabend. Wenn meine Auktion zu spät begann, bedeutete das, dass meine Kundinnen, die wahrscheinlich darauf warteten, sich auf meine neueste Ladung an Vintage-Juwelen zu stürzen, womöglich enttäuscht waren und stattdessen bei einem anderen Verkäufer kauften. Dauerte meine Antwort auf eine Kundenanfrage zu lange, würde die Kundin wahrscheinlich ungeduldig und bei einer anderen Vintage-Auktion mitbieten. Ein verspäteter Versand konnte negative Kundenfeedbacks nach sich ziehen und wenn ich die Klamotten nicht alle am Abend vor einem Fotoshooting dämpfte und vorbereitete, würde am nächsten Tag die Zeit nicht reichen, um alle Arbeiten zu erledigen.

Sobald ein Fotoshooting abgeschlossen war, wurde ich zur Maschine. Ich verbrachte den ganzen Tag damit, die Fotos zu bearbeiten. Als Photoshop-Amateurin machte ich mich im Eiltempo daran, Pickel zu retuschieren und die Fotos zurechtzuschneiden. Ich dachte mir ständig und überall Systeme zu Steigerung meiner Effizienz aus. Dann lud ich die Fotos auf einen FTP-Server und benutzte eine Vorlage für meine Listings. Meine Finger glitten wie ein Wirbelwind über die Tasten und tippten wie ein zwölfjähriger Anfängerhacker primitive HTML-Daten ein. Bei den Produktbeschreibungen übertrieb ich die Details. Außerdem schrieb ich Stylingtipps dazu, falls eine Kundin überlegte, für einen Anorak, der so aussah wie von Betty White, zu bieten, aber nicht ganz sicher war, wie und zu was sie ihn tragen sollte. Ich nannte jedes Detail: die Schultermaße, Brustmaße, Taillenbreite, Hüftbreite, Länge … und jeden noch so kleinen Defekt. Ich war immer total ehrlich, was den Zustand der Klamotten betraf.

Jeder Auktionstitel begann mit »VTG« für Vintage und der Rest war ein Wortsalat aus Suchbegriffen und Beschreibungen. »Babydoll« und »Peter Pan« waren 2007 sehr beliebt, ergänzt durch gelegentliches »Hippie« und »Boho«, woraus später »Architectural« und »Avantgarde« wurde. Um ehrlich zu sein, bin ich froh, dass ich die meisten Begriffe und die Klassifikation, die ich verwendete, um sie zu ordnen, vergessen habe. Damals aß, schlief, trank und träumte ich Suchbegriffe. Nachts wachte ich auf, das Laken, die Bettdecke und ich ein verschwitztes und verwickeltes Knäuel, und schrie praktisch in die Dunkelheit: »Paillettenbesetztes Cocktailkleid aus den Achtzigern!«

Ich liebte es, die Sachen zu versenden. Ich wurde eine so begeisterte und versierte Postkundin, wie ich zuvor bei Subway eine BLT-Sandwich-Fanatikerin gewesen war. Ich war ein Ein-Frau-Fabrikband. Zu meiner Rechten stand ein Plastikcontainer, zu meiner Linken stand ein Plastikcontainer und in der Mitte saß ich und vor mir auf dem Schreibtisch lagen alle Verpackungsutensilien. Im rechten Container befanden sich alle Vintage-Artikel, die ich soeben verkauft hatte und die versendet werden mussten. Ich griff mir den Artikel, inspizierte ihn von allen Seiten, um sicherzustellen, dass er in gutem Zustand war. Ich schloss Knöpfe, hakte Häkchen ein und zog Reißverschlüsse zu, legte den Artikel zusammen und ließ ihn in eine durchsichtige Plastikhülle gleiten, die ich mit einem Sticker versiegelte. Dann druckte ich eine Zahlungsbestätigung aus und eine Photoshop-Notiz, auf der stand: »Danke für deinen Einkauf bei Nasty Gal Vintage! Wir hoffen, du liebst deine neuen Klamotten genauso wie wir!« auch wenn »wir« eigentlich nur ich war. Dann legte ich den Artikel in einen Karton und haute ein Versandetikett drauf. Nur dass ich nie irgendetwas »draufhaute« – vielmehr klebte ich das Etikett mit größter Sorgfalt auf. Ich musste davon ausgehen, dass meine Kundinnen genauso pingelig waren wie ich. Auf jeden Fall war das Letzte, das sie denken sollte, dass Nasty Gal einfach nur ein Mädchen war, das ganz alleine umringt von Plastikcontainern und Pappkartons in einem Zimmer saß …

Mit 23 fühlte sich das Leben surreal an. Ich erinnere mich an einen typischen Einkaufstrip nach L.A., bei dem ich im Hinterhof einer Freundin Dosenbier trank. Zu dem Zeitpunkt schlossen meine Auktionen mit einem Gesamtumsatz von 2.500 Dollar. Ich verdiente in einer Woche mehr Geld, als ich mit meinen Billigjobs in einem ganzen Monat verdient hatte. Während mir meine Mutter lange E-Mails schickte, in denen sie mich anflehte, ich möchte aufs College zurückkehren, musste ich nur einen Blick auf mein wachsendes Bankkonto werfen, um mir zu sagen, dass sie dieses Mal vielleicht unrecht hatte.

Manchmal war die Nachfrage nach meiner Ware so groß, dass es richtig unangenehm wurde. Einmal verkaufte ich ein hauchzartes elfenbeinfarbenes, hüftbetontes Kleid, das mit silberfarbenen und weißen Perlen übersät war und so wirkte, als habe es eines der Olsen-Zwillinge auf dem roten Teppich getragen. Ich erhielt eine Flut an rührseligen Storys von Heiratskandidatinnen, die mich anflehten, ich möge ihnen bitte, bitte genau so ein Kleid besorgen. Manchmal schienen sie davon überzeugt zu sein, dass ich die Ware absichtlich verknappte, aber sie konnten natürlich nicht wissen, dass ich kein großes Lager unterhielt, sondern nur eine junge Frau war, die sich geduldig durch sämtliche Kleiderstangen der Secondhand-Läden arbeitete und ausschließlich Einzelstücke anbot.

Ich nahm jeden Artikel ernst, den ich verkaufte, weil es mir total wichtig war, dafür zu sorgen, dass meine Kundinnen ein tolles Kauferlebnis hatten. Einmal brachte ich eine Chanel-Jacke vor der Auktion zur Reinigung. Und die schaffte es, einen dieser verdammt seltenen Knöpfe zu verlieren. Die Jacke bedeutete 1.000 Dollar in meiner Tasche, also darfst du glauben, dass ich in jede Ecke und unter jede Waschmaschine und jeden Trockner kroch, um diesen Knopf zu suchen. Keine Chance. Ich rief Chanel in Beverly Hills an und die Person, die den Anruf beantwortete, sagte mir, ich solle den Knopf nach New York senden, wo Chanel in seinem Vintage-Archiv nach einem solchen Knopf suchen würde. Dafür musste ich einen weiteren Knopf von der Jacke entfernen. Grauenhaft! Ich tat es und sandte ihn an Chanel, wo er auf 1988 datiert wurde. Sie fanden einen passenden Knopf und sandten mir beide zurück. Ich ließ die Knöpfe von einem Profi wieder annähen. Zwar musste die Kundin, die die Jacke ersteigert hatte, eine Woche länger darauf warten, aber als sie sie erhielt, war sie selig. Ich ließ einen tiefen Seufzer der Erleichterung los und feierte das wahrscheinlich mit einem Chai von Starbucks.





Wir wollen dich nicht dabeihaben: Die eBay-Clique


Zwei Jahre lang klinkte ich mich aus allem aus. Von dem Moment, an dem ich morgens aufwachte, bis zum Schlafengehen war eBay meine gesamte Welt. Für jede eBay-Kategorie gibt es ein Verkäuferforum.

Ich würde nicht automatisch jeden, der etwas auf eBay verkauft, als Unternehmer bezeichnen. (Einige der Frauen, die über eBay Vintage-Klamotten verkaufen, bieten ihre Vierzigerjahre-Schürzen schon etwas zu lange an.) Als ich auf die Szene kam, löste das bei den Puristen nichts als Klagen aus. Sie waren sauer, weil ich Stücke aus den Achtzigerjahren als Vintage bezeichnete, und behaupteten, nichts, was aus einer Zeit nach den Sechzigerjahren stamme, sei wirklich Vintage. Außerdem verhöhnten sie meine Models: »Sie macht schon wieder die Bulimie-Pose!« war ein Lieblingssatz über jedes Foto, auf dem das Model die Hände in die Taille gestützt hatte und sich leicht vornüber beugte – die ikonische Haute-Couture-Pose.

Vintage-Klamotten zu verkaufen ist wie Drogenhandel – du verrätst nie deine Quelle. Knallharter Wettbewerb unter den Verkäufern ist eine natürliche Sache. Und ich liebe knallharten Wettbewerb! eBay lehrte mich allerdings, dass einige Menschen lieber auf eine Weise »konkurrenzig« sind, die ich mir nie vorgestellt hätte. Während ich damit beschäftigt war, Fotoshootings durchzuführen, die Fotos zu bearbeiten und meine Auktionen hochzuladen, stöberten neidische Konkurrenten in meinen Angeboten, um irgendetwas zu finden, das sie eBay als Verstoß melden konnten. Zum Beispiel verstieß es gegen die eBay-Politik, die Listings mit fremden Websites, sozialen Medien oder anderen Webpages zu verlinken. Es war unter den Verkäufern zwar eine gängige Praxis, die eigene Seite mit MySpace zu verlinken – fast alle taten es. Aber wenn man erwischt wurde, war es dennoch lästig. Eine einzige neidische Konkurrentin mit zu viel Zeit reichte aus, um alle meine Auktionen zu melden, und zack! – die harte Arbeit einer ganzen Woche war gelöscht. Dann musste ich alles manuell von vorne eingeben und dafür einen ganzen Tag einer sowieso schon völlig überfüllten Woche opfern.

Mit einigen anderen Verkäuferinnen schloss ich Internet-»Freundschaft«, aber im Großen und Ganzen war es eine ziemlich stutenbissige Atmosphäre. Bei eBay die Zähne zusammenzubeißen war letztlich eine großartige Methode, um mich für die knallharte Unternehmenswelt fit zu machen. Nasty Gal Vintage war mit rauchenden Gewehrläufen aus dem Nichts aufgetaucht und verwandelte sich in Nullkommanichts in eine der erfolgreichsten Storys im Onlineeinzelhandel. Was mich so erfolgreich machte, war nicht unbedingt, was ich verkaufte, sondern wie ich es verkaufte. Die Fotos und das Styling waren nicht einmal so professionell – üblicherweise bestand das Foto- und Stylingteam aus mir in der Hauseinfahrt –, aber sie waren meinen Wettbewerbern dennoch um Längen überlegen. Anstatt meine Zeit damit zu verplempern, mich in Foren zu tummeln und mit Argusaugen zu überwachen, was andere Verkäufer machen, konzentrierte ich mich darauf, mein Geschäft so einzigartig wie möglich zu gestalten. Meine Kundinnen reagierten darauf, indem sie bereit waren, für Artikel von Nasty Gal Vintage mehr zu bezahlen als für Artikel anderer Vintage-Anbieter. Das kam natürlich nicht gut an. Viele Anbieter waren sauer, weil sich meine Sachen teurer verkauften als ihre. Also beschlossen die Foren kollektiv, die einzige Erklärung dafür könne nur darin bestehen, dass ich mich der Gebotstreibung schuldig machte, was bedeutet, dass der Anbieter ein Scheinkonto einrichtet und selber mitbietet, um den Preis in die Höhe zu treiben. Mir war das egal. Nasty Gal Vintage wuchs täglich und ich riss mir den Arsch auf, um hinterherzukommen. Ganz gewiss wollte ich keine kostbare Zeit damit verschwenden, mich an irgendwelchen Zickenkriegen im Internet zu beteiligen. Das erschien eine sinnlose Zeitverschwendung, aber bald wurde es so ärgerlich, dass es sich nicht mehr ignorieren ließ.





Mir fehlen die Worte: Die Lila-Flapper-Dress-Saga


Gegen Ende meiner Zeit auf eBay, genauer gesagt, zu Beginn des Jahres 2008, kaufte ich ein Kleid im Swing-Stil der 20er-Jahre – ein sogenanntes flapper dress –, das wahrscheinlich irgendwann ein Theaterkostüm gewesen war. Es bestand aus lila Polyester und ich stylte es zu einem hippen Abendoutfit. Ich verkaufte es für 400 Dollar – und die Frau, die es kaufte, war selber eBay-Verkäuferin von Vintage-Klamotten. Sie wollte das Kleid zu ihrer Junggesellinnen-Abschiedsparty in Las Vegas tragen.

Das löste helle Empörung in den eBay-Foren aus. Es wurden Behauptungen laut, sie und ich träfen kartellartige Absprachen und würden bei unseren Auktionen gegenseitig mitbieten, um unsere Preise in die Höhe zu treiben, außerdem sei das Kleid nicht einmal Vintage. Ich hatte nie behauptet, das Kleid stamme original aus den 20er-Jahren und falls die Käuferin nicht zufrieden gewesen wäre, hätte ich es problemlos zurückgenommen. Aber sie liebte das Kleid und hatte das Gefühl, sie hätte einen angemessenen Gegenwert für ihr Geld erhalten.

Als die bekannte Modebloggerin Susie Bubble 2008 über Nasty Gal Vintage schrieb, verwandelte sich die Kommentarspalte in einen giftigen Zickenkrieg, der sich zumeist um das drehte, was eine Kommentatorin die »Lila-Flapper-Dress-Saga« nannte. Einige Kommentatoren verteidigten mich, andere behaupteten, ich sei auf der Basis von Lügen und Betrügereien an die Spitze der eBay-Verkäufer gelangt. Schließlich war Susie so frustriert, dass sie einschritt. »Ich kann nicht alles wissen und, ehrlich gesagt, manchmal will ich es auch gar nicht …«, schrieb sie. Ich hielt mich heraus, äußerte mich nicht dazu und tat mein Bestes, wie ich es schon immer getan habe.

Zu diesem Zeitpunkt plante ich bereits, eBay zu verlassen, weil mein Geschäft so rasant wuchs und ich bereit für den nächsten Schritt war. Mit Nasty Gal Vintage hatte ich endlich eine Sache gefunden, in der ich gut war und die mich bei der Stange hielt. Ich begann zu erkennen, dass mein Geschäft ein Potenzial besaß, das weit über alles hinausreichte, das ich mir je vorgestellt hatte, und um dieses Potenzial zu realisieren, musste ich mich alleine auf den Weg machen. Das machte dieses dämliche und bösartige Gerede jedoch nicht leichter zu ertragen. eBay war meine ganze Welt und ich sah zu vielen anderen Verkäufern auf. Unabhängig davon war es jedoch eBay, das die Entscheidung für mich traf. Kurz bevor ich meine eigene Website startete, wurde mein Konto gelöscht. Der Grund? Weil ich das tat, was ich am besten konnte – mir kostenloses Marketing zu beschaffen. In der Feedbackspalte hinterließ ich meinen Kunden die URL meiner zukünftigen Website.





Schluss mit Auktionen


Nach eineinhalb Jahren war ich schließlich aus dem Poolhäuschen herausgewachsen. Ich zog mit meinem Geschäft in ein 92 Quadratmeter großes Loft in einer alten Schiffswerft in Benicia, Kalifornien – noch weiter von meinen alten Freunden aus der Stadt entfernt. Dann kaufte ich die URL nastygalvintage.com, weil nastygal.com damals noch auf eine Pornoseite registriert war (sorry, liebe Mütter!). Dann verpflichtete ich meinen alten Schulfreund Cody, der als Entwickler arbeitete. Ich entwarf das Grafikdesign und er übernahm die Programmierung. Gemeinsam wählten wir eine E-Commerce-Plattform aus und er machte die Arbeit. Es war die erste und letzte Website, die ich jemals entworfen habe.

Wenn man eBay verlässt, kann man seine Kundeninformationen nicht mitnehmen. Zwar hatte ich keine einige E-Mail-Adresse meiner Kundinnen, aber ich hatte meine 60.000 Freunde auf MySpace, auf die ich zurückgreifen konnte. Als die Website von Nasty Gal Vintage am Freitag, den 13. Juni 2008, online gestellt wurde, war ich gleich am ersten Tag ausverkauft. Die Stylistin der US-Schauspielerin und Fernsehmoderatorin Kelly Ripa rief an und fragte, ob ich noch eine andere dieser Vintage-Jacken hätte, aber in Größe XS. Hm, nein, hatte ich nicht.

Kurz darauf stellte ich meine erste Mitarbeiterin ein: Christina Ferrucci. Im ersten Jahr zahlte ich ihr mehr, als ich mir selber zahlte. Sie verhandelte von 14 Dollar auf 16 Dollar pro Stunde; beides war mehr, als ich mir je selber gezahlt hatte, und insgeheim fragte ich mich besorgt, ob ich in der Lage sein würde, sie dauerhaft zu beschäftigen. Aber sie war es wert und sie war definitiv schwer beschäftigt. In ihrer zweiten Arbeitswoche wurde sie auf dem Weg zur Arbeit so krank, dass sie sich während der Fahrt in ihrem Auto übergab. Dennoch kehrte sie nicht um. Als sie ankam, verpackte sie einen Stapel versandfertige Bestellungen, fuhr zur Post und gab die Sendungen auf. Anschließend fuhr sie nach Hause und legte sich ins Bett. Christina ist heute noch bei mir und Nasty Gal’s Einkaufsdirektorin. Wenn die Geschäftswelt Krieg ist, ist sie die Art von #GIRLBOSS, die ich neben mir im Schützengraben haben möchte.

Nach mehr als zwei Jahren des ausschließlichen Verkaufs von Vintage-Artikeln wollte ich unseren Kundinnen mehr von dem bieten, was sie gerne wollten. Wir waren bereits sehr gut darin, höchst einprägsame Parade-Vintage-Stücke anzubieten, warum sollten wir also nicht auch neue Waren verkaufen? Ich war die anstrengende Vintage-Routine ein wenig müde – Woche für Woche ausverkauft zu sein, ohne dass jemals auch nur die Aussicht auf Urlaub oder eine Auszeit bestand.

Sechs Monate nach dem Start unserer Website besuchten Christina und ich unsere erste Modemesse in Las Vegas. Niemand hatte je von uns gehört, und wir waren auch völlige Neulinge auf diesem Gebiet. Ich ging zum Stand des bekannten Schuhdesigners Jeffrey Campbell, weil das eine Marke war, die ich gerne in mein Angebot aufgenommen hätte. Die postwendende Antwort war ein »Nein«. Wenn du irgendetwas über mich wissen solltest, dann dass ich selten zuhöre, wenn ich »Nein« als Antwort bekomme. Um erfolgreiche Unternehmerin zu sein, muss man eine besondere Art der Sturheit besitzen. Außerdem bekommt man üblicherweise nichts von alleine, worum man nicht ausdrücklich bittet. Ich marschierte zurück, schaltete mein Smartphone ein und zeigte Jeffrey, was er bei nastygalvintage.com verpasste. Kurz darauf waren wir Jeffrey Campbells neuester Onlineshop und sind bis heute einer seiner größten Kunden. Ich ging auch auf das Designerlabel Sam Edelman zu, und als auch sie ablehnten, zeigte ich ihnen unsere Website und versprach ihnen, wir würden ihrer Marke zu Coolness verhelfen. Das taten wir und bald darauf hatten wir Rachel-Zoe-Boots im Gegenwert von rund 75.000 Dollar verkauft.

Wir ließen es langsam angehen. Wir kauften einige Sachen von einer Marke namens Rojas, an die ich mich noch genau erinnere. Unsere erste Auslieferung war ein rot-schwarz-kariertes Trapezkleid mit einem Button-down-Hemdkragen. Ich fotografierte Nida, mein hochgewachsenes Thai-Traumgirl von einem Model, die schon der Star des eBay-Stores gewesen war, in diesem Kleid. Sie, die ein New-Orleans-Flüchtling war, war gerade 16, als sie begann, für mich zu modeln (ich fand sie – wie könnte es auch anders sein – bei MySpace). Später machte sie ihren Highschool-Abschluss, während sie weiterhin für Gratis-Hamburger und 20-Dollar-Honorare posierte. Das Kleid war kurz darauf ausverkauft und wir bestellten es nach.

Anfangs kauften wir in Sechser-Einheiten, um das Terrain zu sondieren und zu sehen, was sich verkaufte und was nicht. Verkaufte sich ein Artikel gut, lernten wir etwas. Verkaufte er sich nicht, lernten wir auch. Aus sechs Einheiten wurden zwölf, aus zwölf wurde 24 und unser einst exklusives Vintage-Geschäft wurde zu einem Onlineportal, auf dem die coolsten Girls nicht nur Vintage, sondern Mode kleiner, feiner Designer zu vernünftigen Preisen finden konnten, die so gestylt war, wie sie es noch nie gesehen hatten. Nasty Gal war das bestgehütete Geheimnis unserer Kundinnen, aber es dauerte nicht lange, bis es sich herumsprach, und so wuchsen wir immer weiter. Manchmal gerieten Christina und ich ganz durcheinander und fragten uns gegenseitig, ob eine von uns einen Artikel aus dem Angebot genommen hatte, weil er plötzlich von der Website verschwunden war. Dann verbrachten wir einige Minuten damit, nach dem Systemfehler zu suchen, bis uns klar wurde, dass er sich praktisch auf der Stelle komplett abverkauft hatte.

Zwar bin ich inzwischen bestens mit all diesen Ausdrücken vertraut, aber damals hatte ich keine Ahnung, was »Marktforschung« oder »Direct-to-consumer (DTC)« bedeutet, oder gar dass meine Kunden eine »soziodemografische Zielgruppe« bildeten. Ich wusste nur, dass die Kommunikation mit den Kundinnen, die bei mir kauften, wichtig war und es immer gewesen ist. Als der Niedergang von MySpace zu einem kitschig-überladenen Selbstdarstellungsforum einsetzte, wechselte ich gemeinsam mit meinen Kunden zu anderen sozialen Netzwerken, in denen wir unseren 24/7-Dialog fortsetzten. Ich ging völlig darin auf. Meine Kundinnen teilten mir mit, was sie wollten, und ich wusste immer, dass wir beide zufrieden sein würden, wenn ich ihnen zuhörte – und dabei waren wir mehr als zufrieden. Gemeinsam waren wir verdammt beeindruckend.

Bereits ein Jahr nachdem wir auf das Reederei-Gelände gezogen waren, platzte Nasty Gal räumlich aus allen Nähten. Das Unternehmen zog in die Gilman Street in Berkeley – einen Straßenzug von dem legendären Punk-Klub entfernt – in ein Ladengeschäft mit großen Schaufenstern, gleich neben einem Klaviergeschäft. Aus 92 Quadratmetern waren knapp 160 Quadratmeter geworden und wir hatten nun unseren eigenen Parkplatz. Volltreffer! Hier stellten wir unser erstes Team ein: jemanden für den Versand und jemand, der die Produktbeschreibungen erstellte. Ich rief meinen alten Freund Paul an, in der Hoffnung, er würde als unser erster Fotograf in unserem Schaufenster-Warenhaus in Teilzeit mitarbeiten. Paul, der immer offen für Abenteuer war, akzeptierte.

Nach Paul kam Stacey, eine langjährige Freundin, die zu dem Zeitpunkt abends in einer Christian-Dior-Boutique in San Francisco arbeitete. Sie hatte einen vorzüglichen Geschmack und einen ikonenhaften Look: eine gertenschlanke Schönheit mit einer Haarmähne, die sich über starke Wangenknochen ergoss. Ich brachte Stacey die Stylingtipps und -tricks von Nasty Gal bei, wobei es nicht schadete, dass sie einst als Make-up-Stylistin für Chanel gearbeitet hatte. Sie und unser Praktikant Nick bürsteten, knöpften, zippten Reißverschlüsse, glossten, puderten und entstaubten, was das Zeug hielt. Ich konzentrierte mich auf den Einkauf, soziale Medien und die Geschäftsleitung. Christina managte unser kleines Team. Zwar wären viele Leute mit einem überschaubaren, kleinen Geschäftsbetrieb zufrieden, unser Geschäft war jedoch alles andere als überschaubar. Es wuchs beinahe minütlich und wir brauchten ständig mehr – mehr Mitarbeiter, Inventar und Platz, um nur das Wichtigste zu nennen.

Innerhalb von acht Monaten wurde uns das Geschäft in Berkeley zu klein. Wir brauchten ein richtiges Warenlager und ich wurde in der benachbarten Stadt Emeryville fündig, in dem die berühmten Pixar-Filmstudios zu Hause sind.



Unser erstes Logo und meine erste Visitenkarte



Ich hätte mir nie träumen lassen, dass ich jemals Räumlichkeiten von 7.000 Quadratmeter Fläche mieten würde. Ich hatte auch noch nie in einem Warenlager gearbeitet und noch nie zuvor einen derart teuren Mietvertrag abgeschlossen. Ich war aufgeregt und erschrocken zugleich und wusste, dass ich mehr Unterstützung brauchte, als ich zu dem Zeitpunkt hatte. Das »Champagnerproblem«, dass sich unsere Vintage-Mode schneller verkaufte, als wir neue besorgen konnten, übertrug sich auch auf unsere Designermode, die zu diesem Zeitpunkt höhere Absatzzahlen erreicht hatte als das Vintage-Geschäft. Wir waren im Vergleich zum Vorjahr um 700 Prozent gewachsen, das war im Einzelhandel praktisch eine Sensation. Kunden-E-Mails prasselten schneller auf uns ein, als wir sie beantworten konnten. Die Bestellungen wurden in fieberhafter Begeisterung auslieferungsfertig gemacht, und mein guter alter Volvo, Jahrgang 1987, und ich ratterten jede Woche nach Los Angeles, um in einer wahren Shopping-Orgie zu kaufen, zu kaufen und zu kaufen.

Ich hatte begonnen, mit Dana Fried, einem Berater, zu arbeiten, den ich (welche Überraschung) im Internet gefunden hatte. Er war Vorstand des operativen Geschäfts und Finanzvorstand des Schuhherstellers Taryn Rose gewesen und hatte eine Menge Erfahrung in der Leitung von Unternehmen. Dana und ich beschlossen, dass jemand die operativen Funktionen leiten musste: Bestellung und Auftragserfüllung, Finanzen und Personal. Wir verfassten Stellenbeschreibungen für eine(n) Direktor(in) für das operative Geschäft, aber am Ende bekamen wir jemanden, der viel mehr war als das; wir bekamen jemanden, der uns dabei helfen sollte, die Zukunft von Nasty Gal zu gestalten.

Üblicherweise bewerben sich Leute mit Franks Erfahrung nicht auf Stellenanzeigen. Ich war schockiert, eine Bewerbung von einem Menschen zu erhalten, der über 20 Jahre Erfahrung im operativen Geschäft von Marken wie Land’s End verfügte und Vorstand des operativen Geschäfts von Nordstroms Online- und Kataloggeschäft gewesen war. Frank wusste jedoch, dass Nasty Gal ein aufsteigender Stern am Unternehmenshimmel war und dass die Art Spaß, die ein solches Unternehmen bieten konnte, woanders schwer zu finden war. Frank hatte zahlreiche Lösungen in der Tasche. Er erzählte mir von diesem Ding, das sich »Organigramm« nennt – ein Instrument, das Unternehmen nutzen, um die Struktur und Hierarchie ihrer Teams abzubilden und zu analysieren. Dann erzählte er mir von »Abteilungen«. Es war so, als würden wir das Rad neu erfinden! Zuerst kam ein Direktor Human Resources, dann ein Controller, anschließend ein Customer-Care-Manager, ein Inventory Planner und ein Fulfillment Manager. Wir heuerten einen IT-Spezialisten an. Wir stellten Einkaufsassistenten ein und ich bekam eine Sekretärin. Wir teilten Bestelleingang und Bestellausgang in zwei separate Abteilungen und schufen eine Abteilung für Warenrückgabe. Cody verpflichtete sich, Vollzeit für uns zu arbeiten, und wurde unser E-Commerce-Manager. Zum ersten Mal installierten wir Telefone, eine Vielzahl von Leitungen und setzten Headsets ein – das war alles so offiziell! Unsere Kundinnen waren nicht länger auf E-Mails beschränkt, sie konnten uns einfach anrufen. Kundinnen, wir freuen uns auf euren Anruf!

Während wir planten und Strategien entwarfen, war ich ein Schwamm, der alles aufsog. Ich wuchs und entwickelte mich mit unserem Geschäft, und die Uneindeutigkeit, die mich zuvor immer so erschreckt hatte, wurde etwas, das ich geradezu genoss und brauchte. Ich war immer noch höchst ablenkbar und schwer bei der Stange zu halten, aber ich stellte eins fest: Die Leitung meines eigenen Unternehmens bedeutete, dass ich jeden Tag, wenn nicht sogar jede Stunde, neue Herausforderungen bewältigen oder ein neues Problem lösen musste, und dass einfach keine Zeit blieb, um sich mit irgendwelchen Dingen länger als nötig abzugeben, geschweige denn sich zu langweilen. Wir erlebten den ersten Tag, an dem der Umsatz die 100.000-Dollar-Marke durchbrach, und ich beschloss, das zu feiern: Ich mietete ein gigantisches Trampolin in Pferdeform und ließ es in unserem Warendepot aufblasen. Ein paar E-Mails versenden – hüpf, hüpf, hüpf – ein paar Bestellungen versenden – hüpf, hüpf, hüpf … Es war so ziemlich der beste Tag, den wir je hatten.

Zur Überraschung aller – mich ausgenommen – wurde uns das Warenlager in Emeryville innerhalb nur eines Jahres zu klein. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich mich bereits an das rasante Wachstum gewöhnt. Es machte die Situation zwar nicht einfacher, aber inzwischen konnte ich wenigstens um die Ecke sehen, zumindest ein bisschen. Ich hörte auf, auf Leute mit Erfahrung zu hören – das galt sogar für Dana –, denn selbst sie hatten derartige Wachstumsraten wie unsere noch nie erlebt. Im Herbst 2010 machte ich mich erneut auf die Suche nach größeren Räumlichkeiten. Ich hatte keine Lust mehr, jeden Monat und manchmal sogar jede Woche nach LA zu rasen, wo ich so oft auf der Couch meiner Freundin Kate übernachtete, dass ich mir schon Sorgen machte, ich würde ihre Gastfreundschaft überstrapazieren. Fast alle Showrooms und Designer, mit denen wir arbeiteten, waren in L.A. ansässig und ich musste immer nach Los Angeles fliegen, um die Models zu casten, die wir dann anschließend zu unseren Fotoshootings einfliegen ließen. Ich wusste, dass ich unsere eigenen Produkte entwerfen und herstellen wollte und dass die Bucht von San Francisco – auch Bay Area genannt – ein Überangebot an kreativen Talenten barg, die allerdings nicht für uns bestimmt waren. Bei so eingeführten Traditionsmarken wie Gap, Macy’s und Banana Republic als Nachbarn hatten wir fast keine Chance, die besten Leute zu gewinnen. Aus diesen Gründen traf ich die Entscheidung, das Unternehmen nach Los Angeles zu verlegen.

Zwei Monate später zogen wir um. Ich fragte 13 Teammitglieder, ob sie mit uns gehen würden, und alle bis auf eines sagten zu. Dreieinhalb Jahre später sind sie fast alle noch bei uns hier in LA und entwickeln sich gemeinsam mit mir und rund weiteren 350 Mitarbeitern weiter.





#GIRLBOSS-Porträt: Christina Ferrucci


Christina Ferrucci, Einkaufsdirektorin von Nasty Gal

Während meines College-Studiums arbeitete ich in einem Geschäft in San Francisco und dort wurde mir klar, dass ich ein Talent zum Verkauf von Mode hatte. Nach meinem Studienabschluss dachte ich unter anderem an Modeblogging und stieß bei Craigslist auf eine Stelle als Assistentin bei einem Unternehmen namens Nasty Gal. Ich hatte noch nie von der Marke gehört und zu diesem Zeitpunkt bestand meine Garderobe aus täglichen Schnäppchen des Secondhand-Ladens der gemeinnützigen Organisation Goodwill Industries in der Haight Street, aber mir gefiel, dass es sich um Vintage-Mode handelte, und die Anzeige sprach mich auf eine Weise an, die mir nicht vertraut, aber sehr authentisch war. Ich war damals völlig pleite und wusste nicht genau, was ich eigentlich mit meinem Leben anfangen wollte. Eine Stelle als Assistentin erschien mir als gute vorübergehende Lösung, aus der ich mich jederzeit verabschieden konnte. Fünf Jahre später bin ich immer noch hier. Ich hatte keinen klaren, ausgefeilten Karrierepfad entwickelt; ich habe einfach das gemacht, worin ich gut bin und was mich interessiert.

Zu Beginn war Nasty Gal eine One-Woman-Show, die von einer Art Minibüro und -warenlager aus arbeitete. Es war überwältigend, Sophia dabei zu beobachten, wie sie zwischen der Kamera, dem Styling einer Hose und der grafischen Gestaltung für eine E-Mail hin- und hersprang, aber ihre Energie war einfach ansteckend. Sophia stand im engen Austausch mit ihren Kundinnen und legte an sich selber hohe Qualitätsmaßstäbe an, um ihre Kundinnen stets zufrieden und treu zu halten. Sie setzte sich selber stark unter Druck und ich tat es ihr gleich. Nach wenigen Wochen bei Nasty Gal war ich Teil eines Unternehmens, das sich schnell zu einem Zwei-Frauen-Betrieb entwickelte.

Sophia und ich lernten durch Learning by doing ein Unternehmen zu betreiben, das heißt: durch Versuch und Irrtum. Wenn ein Style richtig gut ankam, dann schrieben wir das auf und versuchten, diesen Erfolg zu replizieren. Floppte ein Style, dann war er für uns mausetot. Eigentlich ganz einfache Richtlinien, aber die Dinge einfach zu halten, ist schon immer ein Teil der DNA von Nasty Gal gewesen. Über die Modemesse zu laufen und den Namen Nasty Gal auszusprechen, war ein unvergessliches Erlebnis und eine Lebenslektion über die Macht der Beharrlichkeit. Wir mussten den Namen immer mindestens zweimal sagen, denn jeder bat uns, ihn zu wiederholen, weil noch nie jemand davon gehört hatte. Dann folgte üblicherweise ein undefinierbares Grinsen oder ein schlechter Witz, woraufhin Sophia ihr Smartphone einschaltete und den Leuten zeigte, dass es sich um eine echte Website handelte, die obendrein sehr gut war. Wir machten bei dieser Modemesse viele Fehler, was unsere Vorstellungen über die Kundenbedürfnisse betraf sowie über die Dinge, die zu unserer Marke passten. Am Ende lernten wir mehr, als wir gelernt hätten, wenn wir diese Risiken nicht eingegangen wären. Diese Erkenntnisse vermittele ich den Mitgliedern unseres Verkaufsteams bis heute. Ich habe gelernt, blitzschnelle Entscheidungen zu treffen, die dazu beitragen, die Zukunft positiv zu gestalten. Ein Talent, das ich mitbringe, ist meine Fähigkeit, überkritisch mit Kleidungsstücken zu sein. Zum Beispiel sage ich: »Die Farben dieser Hose lassen sie aussehen wie ein Krankenhauskittel«. Oder: »Der Schnitt von diesem Kleid passt eher zu einem Kleinkind.« Diese Fähigkeit hat sich sehr bewährt und unsere Kundinnen wahrscheinlich vor einigen fragwürdigen Entscheidungen bewahrt. Die Produkte eingehend zu inspizieren, ist immer noch mein Lieblingsjob. Ich möchte Teil des Prozesses sein, unseren Kundinnen das bestmögliche Kauferlebnisses zu bescheren, und ich finde, dass Nasty Gal das besser kann als alle anderen.

Teil des Erfolgs von Nasty Gal zu sein, ist aufregend, immer gut für Überraschungen und bisweilen eine völlig durchgeknallte Sache. Als erste fest angestellte Mitarbeiterin habe ich viele verschiedene Aufgaben erfüllt (meistens gleichzeitig): von der Sekretariatsarbeit über die Erklärung der Sozialleistungen für neue Mitarbeiter bis zum Einkauf, der Position einer Kundenservice-Agentin und der Managerin einer Versandabteilung, in der nur Männer arbeiten – alles, was du dir ausdenken kannst, ich habe es gemacht. Nun, als Einkaufsdirektorin, kann ich sagen, dass das eine merkwürdige, aber äußerst befriedigende Karriere gewesen ist. Als ich mich auf die Anzeige in Craigslist bewarb, stieß ich auf etwas, das einem nur einmal im Leben begegnet. Das war Vorbestimmung.





»In jedem Misserfolg sind geheime Chancen versteckt.«





* Alle Handlungen sind kreativ.





3. Miese Jobs haben mir das Leben gerettet


Es war das Herumirren, das zum direkten Weg geführt hat.

Austin Osman Spare





Das einzig Gute an meinem Job als Kindermodel war, dass ich dadurch die Schule schwänzen konnte



Ich denke, ich könnte womöglich eine Art Rekordhalterin in der Ausübung der »beschissensten Jobs vor dem 18. Geburtstag« sein. Und wenn nicht das, dann könnte ich auf alle Fälle den Preis gewinnen für die »beschissensten Jobs, die zwei Wochen oder weniger dauerten«. Als Kind hatte ich ständig irgendwelche Jobs: an Limonadenständen, als Zeitungsausträgerin, als Babysitter und ein kurzes Gastspiel als Kindermodel, das abrupt endete, als ich bei einem Casting der Pizza-Fast-Food-Kette Little Caesar’s nicht die nötige Begeisterung aufbrachte, um auf- und abzuhüpfen und dabei freudig »Pizza, Pizza!« zu rufen. Meine Highschool-Jahre waren eine Art Speeddating, allerdings für Jobs. Vielleicht hat keiner dieser miesen Jobs wirklich mein Leben gerettet, aber ich glaube, dass mich die Vielfalt dieser kurzlebigen Misserfolge – beziehungsweise meiner Jobpromiskuität, wie ich es lieber nenne – zu einer erfahrenen jungen Erwachsenen gemacht hat. Wenn man eine Aufmerksamkeitsspanne von der Länge einer Wimper besitzt, dauert es nicht lange, bis man weiß, was einem gefällt und was nicht. Ich muss im Allgemeinen eine Tonne Scheiße an die Wand werfen, bis ich lerne, was kleben bleibt (und nein, es ist keine Scheiße mehr). Zum Unglück und Unmut aller Arbeitgeber, die ich am Wegesrand zurückließ, hat sich das für mich allerdings gelohnt.



Beweismittel des absoluten Tiefpunkts, auch als katholische Schule bekannt



Bevor meine Litanei an Scheißjobs begann, besuchte ich in den zwölf Jahren meiner Schulbildung zehn verschiedene Schulen – weil wir umzogen, weil sich unsere finanzielle Situation geändert hatte, weil ich sie hasste. Als ich in der dritten Klasse war, wussten meine Eltern nicht, was sie mit mir machen sollten. Ich hatte Probleme, weil ich »nicht bei der Sache war«, sondern in der hinteren Ecke des Klassenzimmers in einem Wörterbuch las. Irgendein Wunder qualifizierte mich zur Teilnahme an einem Schnelllerner-Programm der dritten Klasse, das am Ende nur ein Witz war – wir lasen den ganzen Tag auf dem Boden sitzend Zeitung und meine Lehrerin »glaubte nicht an Mathematik«. Offensichtlich war das keine Lösung, also wurde ich in einer katholischen Schule angemeldet. Dreimal darfst du raten. Es funktionierte auch nicht!

Egal wohin ich kam, war ich eine Außenseiterin (und im Allgemeinen führend in Fäkalhumor, was mir nicht viele Freunde einbrachte). Ich kam mit den coolen Kids genauso gut wie mit den Strebern aus. Dieser Geist des erzwungenen Tourismus zusammen mit meinen schnell erlernten Überlebensmechanismen machten es mir schließlich leicht, mich von Job zu Job zu hangeln. Glücklicherweise war die Wirtschaft in guter Verfassung, als ich mit 15 zu arbeiten begann. Das ermöglichte mir, ohne Probleme einen Job zu finden, ihn an den Nagel zu hängen und gleich einen neuen zu finden. Ich war nie enttäuscht, wenn irgendein bestimmter Job kein Erfolg war, da ich mich bereits mein ganzes Leben allem so entfremdet fühlte, dass ich jede Hoffnung verloren hatte, irgendeine Sache, ein Ort oder eine Person oder gar eine Beschäftigung könne meine Bestimmung oder gar Berufung sein.





Missglückte Jobabenteuer


Vielleicht bin ich nicht dorthin gelangt, wohin ich wollte, aber ich denke, ich bin dort gelandet, wo ich sein sollte.

Douglas Adams

Diese Schwierigkeit, mich »einzufügen«, hielt während meiner gesamten Jugend an. Als Schülerin der Highschool sagte ich mir bei jedem Läuten der Schulglocke, mein Leben sei bereits beendet, bevor es überhaupt begonnen habe. Wenn du mit deinem ultraliberalen Geschichtslehrer zu Mittag isst, anstand mit deinen Freunden abzuhängen, weißt du, dass es an der Zeit ist zu gehen. Ich schaffte es, meine Eltern davon zu überzeugen, mich im letzten Teil meines ersten Highschool-Jahres zu Hause lernen zu lassen. Ich hatte einen Lehrer, der einmal im Monat vorbeikam, um Aufgaben auszuteilen, aber die meiste Zeit verbrachte ich damit zu arbeiten. Bei uns in der Nähe gab es eine Subway-Filiale, also ging ich hin, füllte ein Bewerbungsformular aus und wurde eine »Sandwich-Künstlerin«. Ich trug mit Stolz ein grünes Poloshirt und eine Basecap, arbeitete die Tagesschicht und bewältigte den Mittagsrun, obwohl ich damals noch nicht wusste, was ein Mittagsrun ist.

Teil meines Jobs war es, Handschuhe zu tragen und Mayonnaise in Thunfisch zu kneten. Sexy! Ich haute den Thunfisch in eine Schüssel, kippte zwei Liter Mayo darüber, zog Handschuhe an und knetete die Mayo-Thunfisch-Masse mit den Händen. Eine andere Lieblingsbeschäftigung waren die Meeresfrüchte, die in einer riesigen Schale perforierter Krabbenschalen-Imitation ankamen und die ich mit meinen Fingern auseinanderbrach.

Ich kann mich nicht einmal daran erinnern, warum ich den Job aufgab, aber der nächste war in einem Buchladen der Kette Borders. Der Job gefiel mir sogar. Damals fragte jeder nach dem Buch Who Moved My Cheese? Ich hatte keine Ahnung, wovon es handelte, und weiß es immer noch nicht. Traurigerweise gehörte es nicht zu meinen Aufgaben, mit Gummihandschuhen oder Mayo zu hantieren, aber den Informationsstand zu betreuen, war ein großer Schritt nach oben, denn ich musste mein Hirn benutzen.

Die Buchhandelskette Borders unterzog seine Mitarbeiter einem ziemlich umfangreichen Schulungsprogramm, das trotz meiner unternehmensfeindlichen Tendenz, die ich zu diesem Zeitpunkt hatte, äußerst wertvoll fand und immer noch finde. Zum Beispiel lernte ich, »Ja« zu sagen anstatt »Klar« und »Ich sehe nach«, anstatt »Keine Ahnung«, wenn ich Kunden behilflich war. Ein äußerst wichtiges Detail im Kundenservice: sich einfach zu entschuldigen. Selbst wenn irgendein Missgeschick gar nicht dein Fehler gewesen ist, wurde der Kunde einfach von dem Unternehmen enttäuscht, für das du arbeitest, und es ist deine Aufgabe, Mitgefühl zu zeigen. Auch wenn du nur für den gesetzlichen Mindestlohn arbeitest, bist du in den Augen der Kunden das Gesicht des gesamten Unternehmens. Das ist die Art Verantwortlichkeit, für die Mitarbeiter Gehaltserhöhungen und Beförderungen bekommen und schließlich Karriere machen.

Als Jugendliche bis in meine frühen Zwanziger dachte ich, ich würde Kapitalismus nie gut finden, geschweige denn ein öffentliches Musterbeispiel für Kapitalismus abgeben. Ich war mir sicher, dass ich meine Jahre mit dem Versuch verbringen würde, Karriere als Fotografin zu machen und mir den Lebensunterhalt mit irgendwelchen Jobs zu finanzieren, die ich aus Notwendigkeit annahm, nicht weil ich es wollte. Inzwischen bin ich nicht mehr so zynisch. Ich habe gelernt, dass es typischerweise die großen Unternehmen sind, die Mitarbeitern die Vorlage bieten, auf der sie ihren eigenen Pfad bestimmen und sich auf ihrem jeweiligen Fachgebiet und in ihren Managementkompetenzen weiterentwickeln können. Bei Nasty Gal haben wir eine kleine Sache, die wir »Unsere Philosophie« nennen und die überall im Büro hängt. Wir beschäftigen ein großartiges Human-Resources- und Sozialleistungsteam, um sicherzustellen, dass unsere Praktiken fair sind und sich das Unternehmen gut um seine Mitarbeiter kümmert. Vor Nasty Gal hatte ich kaum eine Idee, was HR bedeutete (high rise – hoch geschnitten – wie bei Jeans? Oder HR, der Leadsänger von Bad Brains?), und eine Philosophie war etwas, über das ich nur mit den Augen gerollt hätte. Aber wenn sich ein Unternehmen auf einem so verrückten Pfad wie Nasty Gal befindet und so groß wird wie Nasty Gal, dann sind diese Dinge mehr als reines Unternehmensgeschwätz – sie sind unverzichtbar für eine positive Unternehmenskultur.



Die Tatsache, dass ich bei Borders kündigte, schmälert keinesfalls, wie viel ich dort gelernt habe



Mein Gastspiel bei Borders dauerte nur rund sechs Monate, wenngleich es mir gefiel. Danach praktizierte ich noch mehr Jobpromiskuität im lokalen Factory-Outlet-Zentrum, als Angestellte verschiedener Schuhgeschäfte (alle auf orthopädische Schuhe spezialisiert) und in einem weiteren Buchladen. Anschließend arbeitete ich in einer Reinigung, wo ich alleine im Hinterzimmer saß und aus Männerhemden schmutzige Kragenränder schrubbte und die Hemden nach Wäschestärkegehalt sortierte.

Für knapp einen Tag arbeitete ich in einem Restaurant, und das hasste ich wirklich. Ich war nicht unbedingt jemand, der gerne mit Menschen zu tun hat, und genau darum geht es bei der Arbeit in einem Restaurant: Menschen, Menschen nonstop. Ich fragte mich, warum ich gerade das tun sollte, wenn ich mehr oder weniger immer dasselbe verdiente, egal wofür ich mich verdingte. Eine unbeholfene Kellnerin zu sein (ich sage das nur, weil ich äußert nachlässig und unbeholfen war), mich über verschüttete Milch aufzuregen oder hier in diesem spärlich beleuchteten Schuhgeschäft Dexter zu sitzen? Da hätte ich lieber bei Dexter herumgesessen und ein Buch gelesen. Obwohl ich als Angestellte immer hart gearbeitet habe, nahmen diese Job üblicherweise nur (maximal) 15 Prozent meines Gehirns in Anspruch, und jeder Job, den ich gerne tat, wurde irgendwann langweilig. Es fühlte sich ein wenig wie in dem Film Und täglich grüßt das Murmeltier an – jeder Tag war gleich, egal wie viel ich am Tag zuvor getan hatte. Und ohne einen Bill Murray? Nein danke. An diesem Punkt meiner langen Kette an Scheißjobs hatte ich nie geerntet, was ich gesät hatte, und das, so lernte ich irgendwann, war das Einzige, was mich bei der Stange halten konnte.





Bekämpfe die Langeweile


Sozusagen »unlangweilbar« zu sein … ist der Schlüssel zum modernen Leben. Wenn du gegen Langeweile immun bist, gibt es buchstäblich nichts, das dir nicht gelingen könnte.

David Foster Wallace

Das war die Phase in meinem Leben, in der ich Jobs auswählte, weil sie wirklich leicht waren. Der letzte, den ich vor Nasty Gal hatte, war die Tätigkeit als Ausweiskontrolleurin in der Eingangshalle der Academy of Art University in San Francisco. Ich hatte praktisch nichts zu tun, und das war der Grund, warum ich mich für diesen Job entschied. Ich wollte verdammt noch mal gar nichts bewirken und auch nicht mein Gehalt verdienen! Ich wollte eine billigere Version eines Wachmanns sein, bei MySpace abhängen und gelegentlich rufen: »Hey, Sie müssen sich anmelden!« Sobald meine Schicht begann, wartete ich bereits darauf, dass sie endete. Ich erkenne, wie stumpfsinnig das aus heutiger Sicht klingt. Und weißt du was? Es war stumpfsinnig. Ich werde selber traurig, wenn ich mich daran erinnere, wie apathisch ich war. Ich hoffe, dass ich einige der Fehler gemacht habe, damit du, lieber hart arbeitender zukünftiger #GIRLBOSS, sie nicht machen musst.

Was ich inzwischen weiß, ist, dass nichts universell langweilig ist – was dir langweilig erscheint, kann für jemand anderes faszinierend sein. Wenn du dich langweilst und deinen Job hasst, ist das das beste Zeichen, dass du dich höchstwahrscheinlich am falschen Ort befindest. Es gibt Menschen, die hassen einfach jede Art harter Arbeit, egal um welche es sich handelt. An die richtet sich dieses Buch nicht. Es sei denn, du wärst in eine Milliardärsfamilie geboren. Arbeit ist etwas, das wir alle tun müssen. Mach also verdammt noch mal etwas, das du gerne tust, weil Langeweile kein natürlicher Zustand für einen #GIRLBOSS ist. Absolut kein Zustand.

Es sei denn, du wärst von einer unglaublichen Boshaftigkeit angetrieben, ist es praktisch unmöglich, erfolgreich in einem Job zu sein, den man aufrichtig hasst. Ich persönlich bin ganz, ganz schlecht in Public Relations. PR ist eine Kunst, die voraussetzt, dass man sich auf Kommando höchst vorteilhaft präsentiert und zum richtigen Zeitpunkt das Richtige sagt, und das habe ich noch nie beherrscht. Eine gute PR-Expertin muss in der Lage sein zu verkaufen und dabei authentisch zu bleiben und Beziehungen zu knüpfen. Kaitlyn, PRDirektorin bei Nasty Gal, liebt ihren Job und sie macht ihn fantastisch. Sie hat eine extrovertierte Persönlichkeit und liebt Menschen, daher läuft sie zu Hochform auf, wenn sie ständig mit jedem in Kontakt ist. Spaßeshalber nenne ich die finanzielle Seite unseres Geschäfts den »langweiligen Kram«, aber nur, weil es mich persönlich langweilt. Unser Finanzvorstand liebt es, Grafiken und Excel-Tabellen und alle möglichen Akronyme zu betrachten, die ich erst ganz allmählich zu verstehen beginne. Das ist großartig, denn wenn es keine Leute gäbe, die Finanzen oder internationale Logistik spannend finden, hätte niemand von uns bei Nasty Gal einen Job.



Ich nutzte meine Liebe zur Fotografie, um die nervige Natur der Zeit zu erforschen



Meine größte Schwäche als Angestellte (und auch als Freundin) war meine unheilbare Unfähigkeit, pünktlich zu sein. Zeit ist vielleicht das Einzige auf der Welt, um das sich nicht feilschen lässt, egal wie intensiv ich es probiert habe. Das plagt mich bis zum heutigen Tag. Ich habe immer über die Tatsache gegrollt, dass ich 20 Minuten von meinem persönlichen Leben opfern musste, um zur Arbeit zu kommen, weil diese 20 Minuten nicht bezahlt waren. Um den letzten Moment aus »meinem« Leben herauszupressen (denn ich fühlte mich während der Arbeitszeit, als gehörte ich meinem Arbeitgeber), machte ich mich immer so spät wie möglich auf den Weg, sodass ich immer zu spät kam. Manchmal lässt es sich nicht vermeiden (Shit happens), aber wenn man wiederholt und vorhersagbar zu spät kommt, ist das eine wunderbare Methode, um seinen Chef wissen zu lassen, dass man kein Interesse an der Arbeit hat. Niemand will irgendjemanden einstellen oder weiterbeschäftigen, dem sein Job einfach scheißegal ist.

Schließlich fand ich einen Job in einem Geschäft für hydroponische Pflanzen. Wir rockten zu den Klängen von A Tribe Called Quest, während ich den pH-Wert des Wassers ausbalancierte. Ich kümmerte mich um eine riesige Bananenstaude, die in Lavasteinen wurzelte, die wie vergrößerte Kaninchenköttel aussahen. Ich liebte den Job. Danach verdingte ich mich in einer Landschaftsgärtnerei, weil ich dachte, es wäre eine gute Übung, draußen zu sein, Schläuche hinter mir herzuziehen und eine Schubkarre um ein Bürogebäude zu schieben. Das dauerte ungefähr zwei Wochen. Lach nur und frage dich, was ich mir eigentlich dabei gedacht hatte, denn ganz ernsthaft: Was hatte ich mir dabei gedacht? Egal worum sich der Job drehte, das Ergebnis war üblicherweise dasselbe – ich fing an, mich zu langweilen, und kündigte.

Als ich Nasty Gal startete, stellte ich fest, dass ich gerne arbeitete und angesichts von Herausforderungen zu Hochform auflief. Meine Tage verliefen in einer glücklichen Nebelwolke, weil ich viel zu beschäftigt war, um auf die Uhr zu sehen. Das war ganz anders als die Untätigkeit, die mich ständig die Minuten zählen ließ, während jemand, der klüger war als ich, mir diktierte, wie ich acht Stunden meines Tages zu verbringen hatte. Ich hatte immer ein Problem damit, mich an vorgegebene Regeln zu halten, daher ist Nasty Gal das Einzige, wozu ich in der Lage bin.

Was mich all diese Jobs gelehrt haben: dass man bereit sein muss, einigen Mist auszuhalten, der einem nicht gefällt – zumindest eine Zeit lang. Das ist, was die Generation meiner Eltern als »Charakterbildung« bezeichnen würde. Ich nenne es lieber »#GIRLBOSS-Training«. Ich erwartete nicht, irgendeinen dieser Jobs gerne zu tun, aber ich lernte viel, weil ich hart arbeitete und lernte, einige Aspekte dieser Jobs zu lieben. Zugegeben, einige dieser Jobs waren weit unter dem Intelligenzniveau eines jeden Menschen. Aber egal, wie sie beschaffen waren, ich ging immer mit einer gewissen Experimentierund Forscherlust daran. Anstatt mich darauf zu versteifen, wie alles funktionierte, wollte ich eher mit Neugier sehen, wohin sich die Dinge entwickelten. Wenn man alles so behandelt, als sei es ein riesiges, lustiges Experiment, dann ist es nicht so wichtig, wenn die Dinge nicht funktionieren. Wenn sich der Plan ändert, kann das sogar noch besser sein. In jedem Misserfolg verstecken sich geheime Chancen – ein Thema, auf das ich in einem anderen Kapitel noch zu sprechen komme. Sieh dich um, Chancen gibt es überall!

Außerdem verliehen die miesen Jobs den guten Jobs eine größere Bedeutung. Die meisten Menschen bekommen nicht auf Anhieb ihren Traumjob, was bedeutet, dass wir alle irgendwo anfangen müssen. Deine Wertschätzung für deine Karriere wächst umso mehr, wenn du auf all die nicht so tollen Jobs zurückblickst, die du in der Vergangenheit gemacht hast, und hoffentlich erkennst, dass du aus allen etwas gelernt hast. Was ich vor Nasty Gal gemacht habe, hat mir einen gewissen Durchblick und eine vielfältige Erfahrung vermittelt, was für mich genauso wichtig war wie alles, was ich seitdem gemacht habe. Es hat eine Weile gedauert, bis ich das erkannt habe, weil ich zwar irgendwie im Leben vorankommen, mir aber nur die Rosinen herauspicken wollte. Ich wollte einen Job, bei dem ich dafür bezahlt würde, nichts zu tun, aber trotzdem etwas draufhatte und erfolgreich war, und das, liebe Freundinnen, gibt es nicht (außer du bist Paris Hilton, bei der ich mir aber nicht sicher bin, ob die überhaupt irgendwas draufhat, vor allem auf dem Gebiet Mode).

Vor Kurzem hörte ich jemanden das Akronym »IWWIWWWIWI« benutzen, was bedeutet: »I Want What I Want When and Where I Want It.« Das könnte man als Motto meiner Generation bezeichnen. Wir sind Internetkids, die von unserem Wunsch verdorben sind, alles möge nur einen Klick entfernt sein. Wir denken schnell, tippen schnell, bewegen uns schnell und erwarten, dass alles andere genauso schnell passiert. Das gilt auch für mich. Ich hatte nicht die Geduld, die Schule abzuschließen oder aufs College zu gehen oder auf eine Karriere zu warten, deren Entwicklung viele Jahre dauern würde. Als Arbeitgeberin sehe ich das oft bei neuen Mitarbeitern, die soeben ihr Studium beendet haben und erwarten, auf der Stelle einen tollen Job zu bekommen, der alle ihre superkreativen Triebe befriedigt und obendrein gut bezahlt ist. Das ist zweifellos ein tolles Ziel. Doch wie mit allem musst du dir das, was du willst, hart erarbeiten. Ich sehe so viele Lebensläufe von jungen Leuten, die Praktika bei 20 Millionen beeindruckenden Firmen gemacht haben. Das ist großartig, ich freue mich, dass du deine Interessen erforschen und austesten konntest, aber wenn du fünf Jahre lang als Praktikantin gearbeitet hast, dann wirkt das auf mich so, als hättest du keine Notwendigkeit zu arbeiten. Ich respektiere Menschen, die bereit sind, die Ärmel aufzukrempeln und zu arbeiten, selbst wenn es eine beschissene Arbeit ist. Vertrau mir, Arbeit ist keine Schande und ich kann immer noch ein verdammt gutes Thunfisch-Sandwich zubereiten, um das zu beweisen.





Schule: nicht mein Ding


Ich war in der Highschool, wer ich war, und hielt mich an die Verhaltensregeln, die für eine normale Person gelten, wie Mama und Papa zu gehorchen. Dann verließ ich die Highschool und zog von zu Hause aus und begann – mir fällt kein anderer Ausdruck ein – frei herumzulaufen.

Iggy Pop

Inzwischen hast du wahrscheinlich erkannt, dass Schule und ich nicht ganz harmonierten. Offen gesagt habe ich gemischte Gefühle zu diesem Thema. Es hat oft Zeiten gegeben, in denen ich mir gewünscht hätte, ich hätte die Vision, die Geduld und die Disziplin gehabt, die vier Jahre College-Studium durchzuhalten. Ich habe eine Menge Respekt vor Leuten, denen das gelingt. Aber Schule war eben nicht mein Ding, und die ganze Philosophie hinter diesem Buch lautet, dass der wahre Erfolg darin liegt, dass man seine Schwächen kennt und seine Stärken ausspielt. Kurzum, wenn du in etwas schlecht bist und es sowieso nicht gerne tust, dann lass es und mach etwas anderes. Ich hatte keine Geduld und konnte nicht langfristig denken – Schwächen, die ich inzwischen überwunden habe. Aber wenn du einen inneren Antrieb und Geduld hast und gerne zur Schule gehst, dann bin ich die Letzte, die sagt, du solltest es lassen.

Es gab Zeiten, da ich die Schule nicht wegen der anderen Schüler hasste, sondern wegen der bescheuerten Erwachsenen, mit denen ich meine Zeit verbringen musste. Erinnerst du dich an die Lehrerin des Schnelllerner-Programms, die nicht an Mathematik glaubte? Nun, sie lebte gegenüber vom Zoo und brachte uns das Gewölle von Eulen mit, das sie auf unseren Tischen ausbreitete, damit wir es auseinandernahmen. Das Zeug roch wie Kotze, weil es eben auch Kotze war. Ich hasste die Lehrerin. In der vierten Klasse schickte mich die Lehrerin der katholischen Schule mit einem Brief nach Hause, auf dem meine täglichen Regelverletzungen aufgeführt waren. Ms Curtis war davon überzeugt, dass ich nicht alle Tassen im Schrank hatte. Zu meinen Sünden gehörte, dass ich zu oft aufgestanden war, um mir Wasser vom Wasserspender zu holen, zu oft aufgestanden war, um meine Bleistifte anzuspitzen, und zu lange brauchte, um auf die Toilette zu gehen. Meine Mutter, die zu diesem Zeitpunkt völlig mit ihrem Latein am Ende war, sagte: »Wir wissen, dass du nicht verrückt bist … richtig?«

»Nee, ich hab sie noch alle«, antwortete ich, also setzten wir uns hin und verhandelten. Brachte ich fünf Tage hintereinander eine gute Note heim, würde sie mit mir zum Geschäft Sanrio gehen. Bald darauf durfte ich mir jeden Freitag irgendwas von Hello Kitty und Kero Kero Keroppi aussuchen, weil mein Schulranzen bis zum Rand voll mit positiven Bewertungen meiner Lehrerin war.



Keine Fußnoten nötig: Dieses Zeugnis sagt alles



In der siebten Klasse fragte ich meinen Lehrer in Naturwissenschaften, ob ich während meiner Präsentation auf einem Stuhl stehen dürfe, weil ich so stolz auf meine Arbeit sei und sichergehen wolle, dass alle sie sehen könnten. Er verneinte. Hey, es ist einfacher, um Verzeihung als um Erlaubnis zu bitten: Ich nahm ihn beim Wort und stellte mich stattdessen auf einen Labortisch.

Im Verlauf der Jahre fühlte ich mich immer stärker entfremdet. Ich ging in einem Vorort zur Schule, einer sterilen Umgebung, und zwar von der unguten, eulenkotzefreien Art. Um die Schule herum gab es nur Einkaufszentren und Outlet-Stores, und man konnte eigentlich nichts anderes tun, als am Flussufer Marihuana zu rauchen und sich heimlich in die Whirlpools irgendwelcher Apartmentkomplexe zu schleichen. Die Highschool bestand nur aus unterbelichteten Pappnasen, albernen Tussis und muskelbepackten Sportfreaks, und die Beliebtheit eines Schülers oder einer Schülerin richtete sich danach, wie sauber er oder sie ihre Turnschuhe halten konnte. Damals trug ich Jeans mit Schlag, Birkenstocks mit Plateausohle und immer einen Gürtel, üblicherweise einen, der mit Metalldornen besetzt war. Ich trug ein im Nacken gebundenes Halstuch, und das Piercing, das ich in der Nasenscheidewand trug, war in meiner Nase verborgen. Ganz offensichtlich war meine Bestimmung eine Karriere in der Modewelt.

Die reine Mechanik des traditionellen Schulsystems war geisttötend. Es fühlte sich so an, als sei es die Methode der Menschheit, Amerikas Jugend darauf zu trimmen, ein Leben lang die in der Schule erlernten Verhaltensweisen zu wiederholen, nur in einem Büro. Ich fühlte mich wie eine Gefangene. Jeden Tag wachte ich zur gleichen Zeit auf und saß fünf Tage die Woche auf dem gleichen Stuhl. Ich besaß nicht mehr Autonomie als ein Hund, der auf den pawlowschen Reflex reagiert. Probleme der Ersten Welt, nicht wahr?

Mein Lieblingslehrer war Mr. Sharon, der, mit dem ich fast täglich in der Schulkantine zu Mittag aß. Er glaubte an mich. Er war Vegetarier. Er lehrte uns amerikanische Geschichte aus dem Buch Lies My Teacher Told Me (»Lügen, die mir mein Lehrer erzählt hat«) und brachte Auszüge aus den Texten der Anarchistin Emma Goldman mit. Ich erfuhr, dass Helen Keller Sozialistin war! Ich war stolz auf mein Videoprojekt, das aus einer schnellen Bildabfolge bestand, untermalt von dem angstgetriebenen Song »Infected« der Band Bad Religion. Womm, Aufnahme eines Nike-Outlet-Stores. Womm, Aufnahme von Geldscheinen. Womm, Aufnahme eines Grabs.

Doch abgesehen von Mr. Sharons einstündigem Freiheitsfurz, der durch die Gitterstäbe des Schulgefängnisses wehte, war die Highschool reinste Zeitverschwendung.



Mr. Sharon, mein Lieblingslehrer und Mittagsgesellschaft. Mann, er schrieb Gedichte.



Ungefähr zu diesem Zeitpunkt diagnostizierte mir ein Psychiater Depressionen und ADD. Zwar gab es überhaupt keine Zweifel daran, dass ich Depressionen hatte, aber ich weigerte mich, die Pillen zu schlucken, die er mir verschrieb. Ich warf sie weg. Ich wusste, dass mein schreckliches Elend und mein universelles Desinteresse nicht auf ein Ungleichgewicht in meiner Hirnchemie zurückzuführen war. Das war nichts, was man mit Medikamenten hätte beheben können – ich hasste einfach den Ort, an dem ich meine Zeit verbringen musste.

Es ist wirklich unglücklich, dass Schule oft als Einheitsschablone betrachtet wird, in die alle hineinpassen müssen. Und wenn jemand nicht hineinpasst, wird dieser Mensch behandelt, als stimme irgendwas nicht mit ihm. Dann bist du diejenige, die versagt, nicht das System. Das soll jetzt kein Freibrief sein, damit chronische Faulenzer Schule schwänzen und stattdessen zu Burger King gehen, aber ich glaube, wir sollten anerkennen, dass das Schulsystem einfach nicht für jedermann gemacht ist. Also, zukünftiger #GIRLBOSS, wenn du schlecht in der Schule bist, dann lass dich deswegen nicht unterkriegen. Das heißt nicht, dass du dumm oder wertlos bist oder niemals mit irgendwas Erfolg haben wirst. Es heißt einfach nur, dass deine Talente woanders liegen. Also pack die Gelegenheit, um herauszufinden, worin du gut bist, und finde einen Platz, an dem du deine Talente zur Geltung bringen kannst. Wenn dir das gelingt, dann bist du nicht aufzuhalten.





#GIRLBOSS-Porträt: Madeline Poole


Madeline Poole, MPNAILS.com (@Mpnails)

Als ich noch ganz jung war, bevor ich wusste, was los ist, wollte ich Putzfrau werden (weil ich gerne mit dem Staubsauger Muster in den Teppich machte), dann Basketballspielerin (weil mir die Outfits gefielen) und ich wollte in Connecticut leben und ein Foyer in majestätischem Rot haben, das ich »Foa-jee« mit französischem Akzent nennen würde. Ich wollte großartig sein. Einige Dinge haben sich verändert, aber ich strebe immer noch danach, großartig zu sein. Ich wusste, dass ich mir keine finanziellen Sorgen machen wollte – ich wollte ein von Kreativität und vielen Reisen inspiriertes Leben, in dem Geld nicht meine größte Sorge war.

Ich hatte unzählige Jobs, die üblicherweise kreativ, aber schlecht bezahlt waren. Ich verpackte Geschenke in einem Juweliergeschäft, servierte Snow Cones – das sind Eiswaffeln mit geschabtem Eis, die mit Sirup übergossen werden –, erteilte Schwimmunterricht, schnitt Bagels, arbeitete in einem Coffeeshop und in einigen Restaurants, sogar bei der Panera Bread Company! Ich war Spezialistin in allem, was irgendwie mit Brot zu tun hatte. Ich restaurierte Poster, arbeitete im Catering, betreute Kinder, arbeitete in einem mobilen Eisverkauf, nähte Pailletten auf Haarbänder, Applikationen auf T-Shirts, strich und bemalte Wände, kratzte Tapeten ab, assistierte einem Stylisten der Requisite, einem Food-Stylisten und einigen Modestylistinnen vom Typ Der Teufel trägt Prada.

Mein Vater machte mir die Hölle heiß, und alles, was ich ihm sagen konnte, war, dass ich eine Expertin sein wollte. Worauf ich mich am Ende auch immer spezialisieren würde, ich würde dafür sorgen, dass ich darin erstklassig war. Ich arbeitete hart, das tat ich schon immer, und irgendwann … sah ich eine Frau, die bei einem Fotoshooting die Fingernägel eines Models lackierte, und ich dachte, darin würde ich wirklich gut sein!

Ich gab meine verschiedenen Teilzeitjobs auf und meldete mich in der billigsten Schönheitsakademie von L.A. an. Das war meine stressigste und finanziell ärmste Zeit; ich saß mit einer Staubmaske unter grellem Neonlicht und sah zu, wie so eine billige Kosmetiktante das Auftragen von Airbrush-Make-up auf einen speziellen Puppenkopf demonstrierte. Aber ich wusste immer, dass es funktionieren würde.

Inzwischen bin ich freiberufliche Maniküre-Expertin für Modemagazine und kommerzielle Fotoshootings. Ich entwickele Nagelprodukte und arbeite an einer Reihe kreativer Projekte, die nichts mit Fingernägeln zu tun haben. Kurzum, ich bin eine Expertin.

Wenn ich nicht arbeite, arbeite ich trotzdem. Ich beobachte ständig, mache Aufnahmen von Mustern und Farben, die ich auf der Straße sehe, skizziere Ideen, treffe neue Leute, verbinde unzusammenhängende Mosaikteilchen zu einem Ganzen, erforsche mein Handwerk, probiere neue Produkte aus, gebe meinen Freundinnen eine Maniküre, arbeite an meiner Website, aktualisiere meine Konten in sozialen Medien, arbeite an meinen eigenen Produkten, an kollaborativen Projekten, stelle Inspirationsgremien zusammen und skizziere neue Ideen. Ich arbeite an m